Kultur : Eine Falte in der Zeit

KLASSIK 2

Ulrich Amling

Es ist selten, dass sich in der Philharmonie zwischen die Sätze einer Brahms-Symphonie heftiges Klatschen drängt. Noch seltener ist es, wenn dieser freudige Angriff auf unser quasi-religiöses Verhältnis zur Musik sich nicht von erschrecktem Zischen ersticken lässt – und nach jedem Satzende wieder aufbrandet. Das kann nur mit der wunderbar gelassenen Haltung von Sir Roger Norrington zu tun haben, der die manuellen Lustbekundungen vom Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters lächelnd mit dem Einwurf „Sehr historisch“ quittiert. Und damit auch eine humorvolle Distanz zur eigenen, Jahrzehnte währenden Suche nach historisch korrekten Aufführungsbedingungen beweist. Nicht nur saßen die Musiker zu Brahms‘ Zeiten ganz anders zusammen, formten einen ganz anders klingenden Körper, sie bekamen auch unmittelbar zu spüren, welcher Satz besonders gefiel – und gar wiederholt werden musste.

Hätte man an diesem Konzertabend mit Sir Roger so einen Wunsch von gestern frei, es hätte den zweiten Satz von Brahms’ dritter Symphonie getroffen. Der schlanke, hoch aufschießende Klang, den Norrington aus dem hellwachen Orchester schüttelt, bleibt im Andante stockend stehen: Und kein schmelzender Geigenton glasiert die Trauer, die sich hier in barocker Herbheit auftut. Ein Moment der Tiefe, eine Falte in der Zeit. Dazu passte die Kombination mit Benjamin Brittens leider selten gespielter „Sinfonia da Requiem“, aus der Norrington die kalte Motorik des „Dies Irae“ ebenso plastisch heraus arbeitete, wie die schwebende, an das Finale von Mahlers dritter Symphonie erinnernde Vision des „Requiem in aeternam“. Danach ließen selbst die hartgesottenen Klatscher einige Sekunden der Einkehr zu.

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