Kultur : Eine Familie von Tyrannen

Taboris „Antigone“ am Berliner Ensemble

Christoph Funke

Über Kreon, der doch gerade die feindliche Stadt Argos besiegt haben will, wird der Wind hinweggehen. Seine Herrschaft mit grausamer Härte auch gegen die eigene Familie zu festigen, ist ihm nicht gelungen. Antigone, die Tochter des Ödipus, kaltherzig verurteilt, weil sie die Gebote des Tyrannen missachtete, stirbt im Verlies. Theben wird untergehen.

Das ist die überraschende Wendung, die Bertolt Brecht der „Antigone“ des Sophokles (Uraufführung vermutlich 442 vor Christus) gegeben hat. 1947 aus den USA nach Zürich gekommen, konnte er mit der Bearbeitung der Hölderlinschen „Antigone“-Übertragung seine Theaterarbeit in Europa neu beginnen. Brecht baute in den umgestalteten, neu bewerteten Text Erfahrungen des Krieges und der Emigration ein, öffnete die Fabel einer rationalistischen Geschichtsbetrachtung. Die Uraufführung der „Antigone des Sophokles“ in Brechts Version gab es, mit Helene Weigel in der Titelrolle, im Februar 1948 in Chur.

Im Berliner Ensemble (Probebühne) kam nun zu Sophokles, Hölderlin, Brecht eine vierte Ebene hinzu. George Tabori begegnet der antiken Tragödie souverän, ja: vorsichtig heiter. Er zeigt einen Politkrimi, dem Alltägliches anhaftet, in die Abgründe eines unabwendbar mythischen Schicksals dringt die Aufführung nicht vor. Brechts Warnung vor der Überheblichkeit der Sieger, die den sozialen Umsturz fürchten, ist da aufgenommen, auch die Skepsis gegenüber der Heldin – sie gehört zu den Herrschenden, ihr moralischer Protest betrifft nur die Familie des Tyrannen. Christina Drechsler zeigt die Antigone als eine selbstbewusste junge Frau, freundlich, unerschrocken, naiv und schön. Wie sie in den Sarg steigt, noch einmal winkend in die Runde, hat bestürzenden Liebreiz und auch eine Spur Anmaßung.

Sind wir noch in den Verhängnissen des antiken Dramas? Wohl nicht, denn auch die „Alten von Theben“ kommen als Greisenpaar (Ursula Höpfner, Martin Seifert) auf die Bühne, weißhaarig, schwerhörig und süchtig nach biederer Anpassung. Und doch erweist sich George Tabori wieder als Zauberer. Er entdeckt im Tragischen das Alltägliche, im hohen feierlichen Ernst den lebensnotwendigen Witz. Er will keine fremden, fernen Figuren auf der Bühne, sondern Menschen, die verstehbar sind, im Guten, im Bösen, in Feigheit, in Tapferkeit. Traugott Buhre als Teiresias darf das alter ego des von der linken Seite im mächtigen Sessel alles beobachtenden Regisseurs spielen: abgeklärt, welterfahren, gefasst und überlegen.

Wieder am 29. 8. und am 9. 9.

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