Kultur : Eine Farbe der Ehre

Heute Nacht werden die Oscars verliehen – noch nie waren so viele Mexikaner und Afroamerikaner nominiert

Jan Schulz-Ojala

In diesen Tagen ist Martin Scorsese der wohl prominenteste Pechvogel der Welt. Mit 14 Filmen war er seit 1975 im Oscar-Rennen, aber Triumphe blieben ihm stets verwehrt. Sicher, fünfmal durfte er seinen Darstellern zum Oscar gratulieren – Ellen Burstyn in „Alice lebt hier nicht mehr“, Robert De Niro in „Wie ein wilder Stier“, Paul Newman in „Die Farbe des Geldes“, Joe Pesci in „Goodfellas“ und Cate Blanchett in „Aviator“. Immer wieder auch tröpfelte es Oscars für Kamera, Ausstattung, Kostüme oder Schnitt, aber Scorsese selber guckte im entscheidenden Augenblick zunehmend versteinert in die Weltfernsehröhre. Fünf Nominierungen seit 1980 als bester Regisseur, dazu 1993 eine für sein Drehbuch zu „Zeit der Unschuld“: und nichts. Viermal konkurrierten seine Filme um die Top-Trophäe „Bester Film“ – und wieder nichts. Nein, dieser Scorsese war nie zu feiern.

Ob die 5830 Mitglieder fassende Academy of Motion Picture Arts and Sciences sich heute Nacht relativ mehrheitlich ein Herz fasst und den Pechvogel bei „Departed“ endlich entschädigt? Eine schöne Hollywood-Story über amerikanische Tugenden gäbe das fraglos her, eine Hymne auf den späten Lohn der Hartnäckigkeit – und tatsächlich steht die Bereinigung dieser jahrzehntelangen Malaise weit oben auf der Agenda des US-Filmfamilientreffens in Los Angeles. Andererseits: Die Academy gewährt ihre Happy Ends traditionell eher launisch. Das Plenum wählt geheim, also im Zweifel gemein. Und die Konkurrenz ist gerade in diesem Jahr schillernd vielfältig – mit deutlich aufregenderen Storys als dem Remake eines Hongkong-Thrillers im Gewand einer von Jack Nicholson egomanisch dominierten Mafia-Story.

Kurios, aber wahr: Der ewige Rebell Martin Scorsese wäre mit seinem GenreStück die konservativste Wahl dieses Oscar-Jahrgangs. Denn die anderen für die Königskategorie des Besten Films nominierten Titel spiegeln viel treffender die derzeitige Unruhe und teils hausgemachten, teils globalen Strömungen folgende Orientierungslosigkeit der amerikanischen Gesellschaft. Da ist etwa „Letters from Iwo Jima“ des ewigen Scorsese-Rivalen Clint Eastwood: Mit seinen 76 Jahren mutet der einstige rechte Recke des US-Kinos seinen Landsleuten eine brennende Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zu – und das ganz aus der Perspektive des japanischen Feindes. Da ist „The Queen“, Stephen Frears’ präzise Studie über eine verknöcherte (zufällig britische) Herrschaftsstruktur, die sich angesichts einer Gesellschaft in emotionalem Aufruhr hilflos an Rituale klammert. Oder auch der bei den Oscar-Buchmachern stabil hoch gehandelte Außenseiter „Little Miss Sunshine“: Eine dysfunktionale Familie, in der die Alten und die Kinder das Sagen haben, klappert im VW-Bus ihrem aufregend unordentlichen Happy End entgegen. Und da ist Alejandro González Inarritus „Babel“: ein Film, der von Terrorismuspanik über Armutsmigration bis zu fernöstlich futuristischen Einsamkeitsszenarien nichts Geringeres als die ganze verstörte Welt parabelhaft zu verorten sucht.

In all dem, selbst im kinematografischen Rückgriff auf den Großen Krieg des 20. Jahrhunderts, steckt brisante Gegenwart – und der Versuch der Filmemacher, Antworten auf die nahe Zukunft zu formulieren. So dicht wie selten, von sieben Nominierungen für „Babel“ bis zu je vier für „Iwo Jima“ und „Sunshine“, haben die Fachsparten die fünf Hauptfilme nebeneinandergesetzt, und tatsächlich sind wir dem klassischen Duell jeweiliger Oscar-Favoriten ferner denn je. Zumal mit Bill Condons US-Hit „Dreamgirls“ (acht Nominierungen) und Guillermo del Toros ebenfalls sehr erfolgreichem „Pans Labyrinth“ (sechs Nominierungen) zwei weitere bemerkenswerte Filme in allerlei anderen Kategorien ihr munteres Unwesen treiben.

Sollte das durchweg mit schwarzen Schauspielern besetzte, hinreißende Musical „Dreamgirls“ groß abräumen, dann wäre das eine Hollywood-Revolution. Oder zumindest ein prächtiger Schub für die afroamerikanische Community, deren Vormarsch zu höchsten Kino-Ehren seit Jahrzehnten äußerst zäh vorankommt. Die Ausgangslage für sie ist gut wie nie: Fünf der 20 nominierten Schauspieler sind Schwarze, davon drei – Forest Whitacker, Eddie Murphy und Jennifer Hudson – in besonders aussichtsreicher Position. Was aber, wenn sie scheitern? Schon grübeln die US-Medien ohne rechtes Ergebnis, warum „Dreamgirls“ als immerhin zahlenmäßiger Top-Favorit es nicht zur Bester-Film-Nominierung brachte, und die „Washington Post“ prophezeit den Amerikanern bei einem Debakel der schwarzen Akteure bereits eine neue Rassismusdebatte. Auch deshalb wird das in der Academy erdrückend dominante weiße Hollywood heute weltweit besonders aufmerksam beobachtet.

„Pans Labyrinth“ wiederum, Favorit in der Kategorie der nicht englischsprachigen Filme (Clint Eastwoods in Japanisch gedrehter „Iwo Jima“ ist als US-Produktion dort nicht vertreten), steht neben „Babel“ und Alfonso Cuaróns dreimal nominiertem „Children of Men“ für ein weiteres, die Academy zur Öffnung einladendes Phänomen – die enorme Kreativität und Fantasie mexikanischer Regisseure, die mit thematisch ehrgeizigen, hoch emotionalen und technisch atemberaubenden Filmen den Weltmarkt erobern. Zudem sind Inarritu, del Toro und Cuarón erst Anfang vierzig, mithin eine Generation jünger als Frears, Scorsese und erst recht Eastwood.

Auch hier stellt sich die spannende Frage, ob und wie stark die Academy – Durchschnittsalter: 60 Jahre – auf die Zukunft des Kinos setzt. Wobei der 42-jährige Guillermo del Toro am beeindruckendsten von dem 33 Jahre jungen Florian Henckel von Donnersmarck bedrängt wird: „Das Leben der Anderen“ riss die amerikanischen Kritiker zu Hymnen hin, auch wenn manche Parallele zwischen der DDR-Stasi-Welt und der Stimmung in Zeiten des Patriot Act etwas forsch ausfiel. So weit ist Bush-Amerika denn doch noch nicht; vielleicht aber ist den Rezensenten auch nur der zeitgeschichtliche Blick aufs ferne Deutschland sachte durcheinandergeraten.

Das Oscar-Rennen ist offener denn je. Egal, es gibt schlechtere schlaflose Nächte! Nur Martin Scorsese sollte nervenschonend sicher für den Regiepreis gesetzt sein. Sonst überholt ihn womöglich noch Toningenieur Kevin O’Connell: Der tritt, nach 18 vergeblichen Anläufen, auch diesmal wieder an – für den Tonschnitt in Mel Gibsons „Apocalypto“.

Die Oscar-Verleihung im Kodak-Theatre in Los Angeles wird in der Nacht zu Montag ab 2.30 Uhr von Pro 7 übertragen.

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