Eine Fassbinder-Ausstellung : Hauptsache intensiv

Das Müncher Theatermuseum zeigt Dokumente zu Rainer Werner Fassbinders Bühnenleben.

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Meister in der Mitte. Das Team von „Liliom“ in Bochum (1972). Foto: Archiv Roswitha Hecke
Meister in der Mitte. Das Team von „Liliom“ in Bochum (1972). Foto: Archiv Roswitha Hecke

„Immer, wenn wir zusammen spielten, war das sehr körperlich: Er zieht mich, ich fliege in seine Arme. Er stößt mich zurück, ich biege mich nach hinten und dann in die Knie, Auge in Auge, ineinander versunken, als wär’s für die Ewigkeit.“ So spricht Hanna Schygulla in ihrem anmutigen Ton von der Theaterarbeit mit Rainer Werner Fassbinder, der sie als seine Polly in der „Bettleroper“ besetzte und selbst den Macheath spielte. Man schreibt Februar 1969, Fassbinder ist 23, seine Inszenierung und Bearbeitung der Fabel von John Gay erweist sich am Münchner antiteater im Hinterzimmer einer Gaststätte als „wochenlanger Hit“. In der Besetzung neben den beiden Protagonisten: Kurt Raab, Peer Raben, zuständig auch für die Pop-Musik, Ingrid Caven, Irm Hermann.

Man kennt sie fast alle aus den Filmen, die Fassbinder gedreht hat, 44 an der Zahl. Aus Anlass seines 30. Todestages am 10. Juni ist der Filmemacher in diesem Jahr vielfach gewürdigt worden. Aber hier im Deutschen Theatermuseum in Münchens Hofgartenarkaden geht es um den frühen Fassbinder, den Theatermann, den Bühnenschauspieler und -regisseur, Autor von 17 Theaterstücken. Den abgelehnten Bewerber für die ersten Jahrgänge 1966/67 der Film- und Fernsehakademie Berlin, der an „ungenügender Vorbildung“ scheitert.

Die Schau lädt ein in die Epoche der deutschen Studentenbewegung, plakatiert mit „Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren“. Das bezeichnet den Rahmen für die Kunst, zunächst eine Installation, über der RWF thront auf kargem Stuhl mit seinem Porträt zur antiteater-Produktion „Blut am Hals der Katze“. Großformatig transparente Bildnisse der wichtigsten „Clan“-Mitglieder: Margit Carstensen, Irm Hermann, Schygulla, Caven, Raben, Raab mit ihren Biografien. Die Atmosphäre berührt das Herz, weil sie ein ganzes Bündel von Assoziationen freisetzt: verlorene Zeit, Veränderbarkeit von Theatergeschichte in der Gegenwart des Betrachters, Schönheit, Aufbruch – und vor allem Jugend.

Treppauf in der von Claudia Blank und Petra Kraus kuratierten Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Rainer Werner Fassbinder Foundation gelangt man zu einer fundierten Dokumentation der Aufführungen. Dieses weniger bekannte Schaffen Fassbinders wird anhand von Fotos, Originalplakaten, Inszenierungs- und Probenmitschnitten, Fernsehaufzeichnungen lebendig anschaulich. Das Audio-Angebot beschert Kommentare Fassbinders und seiner Schauspieler, darunter das erwähnte Schygulla-Zitat, das schließlich Eingang gefunden hat in ein neues Vorwort von David Barnetts Fassbinder-Buch „Theater als Provokation“, dessen deutsche Ausgabe nun aktualisiert und erweitert vorliegt (Henschel, Leipzig, 29,90 €).

Intensivtheater, ein Gegenmodell zum Staatstheater, revolutionäre Utopie, Theaterkommune heißen die Ideen, die RWF umtreiben. Sie führen ihn in ihrem Widerspruch von München zu Kurt Hübner nach Bremen, zu Peter Zadek nach Bochum, als Intendant ans TAT Frankfurt, wo sein Mitbestimmungsmodell scheitert, zuletzt zum Tourneetheater.

Es ist erstaunlich, wie die Schau verlorene Zeit gleichsam wachküsst. Da zu jener Zeit Schwarz-Weiß-Fotos dominierten, hat Wilfried Minks sein Bühnenbildmodell zum „Kaffeehaus“ (Bremen, 1969) farbig nachgebaut: eine bunte Megatorte, pink ausgeleuchtet. Dazu kommt ein Probenausschnitt, in dem Fassbinder für mehr Slapstick plädiert. Oder ein Mitschnitt der „Iphigenie auf Tauris“, Drama nach Goethe (München 1968): In feiner, wie choreografierter Bewegungskunst zeigt Fassbinder Szenen eines schwulen Paares Orest/Pylades beim Liebesspiel. Das ist Bühne, nicht Film.

Karlheinz Böhm indes unterscheidet nach seiner Erfahrung mit „Onkel Wanja“ (TAT, 1974), dass der Regisseur in der Theaterarbeit „keine Geduld“ gehabt habe, im Gegensatz zum Filmmann. Und man sieht mit Staunen das schöne Antlitz der Ruth Maria Kubitschek, die auf Tournee (1975) unter Fassbinder „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ spielt. 1976 endet die Theaterarbeit von RWF bei Ivan Nagel am Deutschen Schauspielhaus Hamburg mit „Frauen in New York“. Dann konzentriert sich sein Interesse ganz auf den Film. Wer aber das Werden und Wachsen des genialen Regisseurs erkunden möchte, dem sei die Entdeckungsreise zu „Rainer Werner Fassbinder – THEATER“ sehr empfohlen.

Deutsches Theatermuseum, München, bis zum 9. September

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