Kultur : Eine feinere Art

CHRISTOPH FUNKE

Wanderer-Zyklus in der Schaubühne: Marianne Hoppe liest FontaneVON CHRISTOPH FUNKEEine "feinere Art von Natur- und Landschaftssinn" empfahl Theodor Fontane den Reisenden in der Mark, im Vorwort zur zweiten Auflage seiner "Wanderungen".Marianne Hoppe folgt dieser Empfehlung, wendet die "feinere Art" des Sehens, Empfindens, Erlebens auf ihren Vortrag aus dem Riesenwerk Fontanes an.Sie sucht keine Wirkung.Sie liest den Text, mit fester, modulationsreicher Stimme, greift die Melodie der Sätze auf, sinnt ihnen nach, verzichtet auf jede Theatralisierung.Konzentration, gesammelte Aufmerksamkeit am langen Tisch auf der Bühne sind alles, mitunter nur gibt die linke Hand sparsam malende Unterstützung.Und doch hat die Versunkenheit in Fontanes Schilderungen nichts Weltvergessenes, Verträumtes - als mit der Blattfolge des Textes plötzlich etwas nicht stimmt, zeigt Marianne Hoppe ruhig-freundliches Erstaunen, läßt sich vom Assistenten unaufgeregt zurückhelfen in den Zauber des Entdeckens brandenburgischer Schönheiten und Besonderheiten.Diese Wachheit und diese Behutsamkeit sind dem Text gemäß, machen "die Seele fertig" (Vorwort) für ein ruhiges, selbstbewußtes Genießen.So geht es, an diesem zweiten Abend des Wanderer-Zyklus an der Schaubühne, von Werder zum Schwielowsee, von Caputh zur Ruppiner Schweiz.Der geheimnisvolle Stechlin wird besucht, den Müggelbergen widerfährt Bewunderung ("sie liegen da wie der Rumpf eines fabelhaften Wassertiers").Schinkel, der bedeutendste Mann "unter allen bedeutenden Männern, die Ruppin, Stadt und Grafschaft, hervorgebracht" hat, und der Schneiderssohn Schadow rücken ganz nahe, Kleists Grab regt an zum Familienstreit über die Folgsamkeit der Frauen.Zwischendurch darf Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland Segen spenden mit seiner birnenschenkenden Hand, und die Havelschwäne müssen sich rupfen lassen.Entweder in Pichelswerder oder auf dem Depothof in Potsdam: "Das Verfahren ist an beiden Orten dasselbe." Auch diese Ironie bettet Marianne Hoppe in den Vortrag ein, sie läßt den Text "unberührt", zwingt ihm nichts auf, und schafft gerade dadurch eine atemlose Aufmerksamkeit unter ihren Zuhörern.70 Minuten Fontane mit dieser großartigen Schauspielerin ermöglichen, auf eine fürwahr feinere Art, Einkehr in Geschichte, Besinnung auf Menschen und Landschaften, draußen vor den Toren der großen Stadt. Schaubühne, dritter und letzter Teil des "Wanderer"-Zyklus: Edith Clever liest aus "Heinrich von Ofterdingen" von Novalis25.Mai, 20 Uhr.

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