Kultur : Eine feste Burg

Schinkel hatte seine Schüler in ganz Preußen: eine Ausstellung im pommerschen Seebad Barth

Michael S. Cullen

Was hat Preußens größter Baumeister, Karl Friedrich Schinkel, im Ostseestädtchen Barth verloren, dass man ihm und seinen Schülern eine Ausstellung widmet? 1835 reiste er, der oberste Denkmalpfleger Preußens „auf dem kürzesten Wege“ dorthin, um die seit 1822 in Restaurierung befindliche Marienkirche zu begutachten, eine Tätigkeit, die Schinkel in buchstäblich Dutzenden anderer preußischer Orte ebenfalls ausgeübt hat, etwa in Kolberg, Köslin, Pyritz, Stargard, Stettin und Treptow a.d. Rega; nichts Besonderes also. Die Nähe zu dem von Schinkel 1826/27 errichteten Leuchtturm von Kap Arkona auf Rügen, rund 60 Kilometer Luftlinie entfernt, reicht nicht aus, die jetzige Ausstellung in Barth zu begründen, ist aber bequem. Allerdings: ein Schinkelschüler, August Stüler – Architekt der Alten Nationalgalerie Berlin – hat die Marienkirche in Barth 1856/63 umgestaltet.

In einem früheren Kaufmannshaus des 18. Jahrhunderts hat die Stadt 1997 ein Museum eingerichtet, benannt nach Vineta, der versunkenen Stadt, von der manche Archäologen behaupten, sie habe einst vor Barth gelegen. Das ist aber eine andere Geschichte. Hier ist eine kleine, aber sehr feine Schau über „Schinkel und seine Schüler“ zu besichtigen.

Ausstellung und Katalog machen bewusst, dass diese Landschaft – von Schwerin im Westen bis weit ins heutige Polen – einst Teil von Preußen war. Und sie machen mit zahlreichen Architekten bekannt, über die wir mehr erfahren wollen. Über Martin Gropius, Knoblauch, Stüler, Lucae, Persius und Hitzig sind wir gut informiert, aber hier erfahren wir einiges über Friedrich Wilhelm Buttel, Carl Gottlieb Wilhelm Boetticher, Gustav Stier, Friedrich Wilhelm Steinbach und weitere kaum bekannte Architekten.

Wie zu erwarten, ist Schinkels Einfluss nicht schwer zu erkennen: Friedrich Hitzigs Schlösser Bredenfelde und Göhren zeigen Respekt vor Schinkels Beschäftigung mit schottischen Vorbildern wie etwa in Babelsberg, während Buttels Belvedere bei Neubrandenburg den Neuklassizismus nachempfindet.

Nicht immer wird deutlich, wer als Schinkelschüler gelten kann. Gewiss, Richard Lucae (Alte Oper Frankfurt), Georg Friedrich Hitzig (Börse und Technische Hochschule in Berlin), Gropius (der Architekt des Berliner Gropiusbaus), Stüler und Soller haben beim Meister gelernt und für ihn als Bauleiter gewirkt.

Bei Georg Adolph Demmler (1804 – 1885), der bedeutendste Architekt, der in der Region gewirkt hat, ist der Zusammenhang hingegen schwach. Er ist als Architekt des Schweriner Schlosses bekannt, dieses malerischen Fürstensitzes an der Ostsee, in dem heute der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern seine Beschlüsse fasst. Doch eine Beziehung zwischen Schinkel und Demmler stellte sich erst nach dem Studium her, als Demmler einige Schinkelentwürfe in Bauwerke umzusetzen hatte. Aber auch ohne eine in jedem Fall zutreffende Meister-Schüler-Beziehung lohnt die Ausstellung in Barth einen Besuch.

Barth, Vineta-Museum, bis 24. Oktober. Katalog 24 €.

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