Kultur : Eine Fotoausstellung bei Arndt + Partner

Katrin Bettina Müller

Die Bedrohung kommt von oben. Wie der Raumkreuzer einer außerirdischen Macht schwebt eine rote Matratze über den kleinen Menschenfiguren, die Olaf Breuning für seine Nachstellung des Films "Independence Day" aus alten Fotos ausgeschnitten hat. Dass die Menschen nach oben schauen, die Hände gar abwehrend erhoben haben, mag daran liegen, dass Breuning sie ursprünglich beim Wasserball am Strand fotografiert hat. Jetzt stecken sie bis zu den Knien im Beton des Atelierfußbodens fest und können nicht fliehen. Wenn jemand die Kordeln durchschnitte, die die große rote Bedrohung in der Luft halten, wären sie platt.

Inszenierte Fotografie? Olaf Breuning aus Zürich sucht gar nicht erst den Schein der Wahrscheinlichkeit. Wie Fischli und Weiss legt er die Konstruktion des Werks als Versuchsanordnung offen. Wie die Simulation funktioniert, das interessiert ihn mehr als das Ergebnis. Auch in seinen Performances führt der junge Künstler mehr die Zutaten des Spektakulären vor, als dieses tatsächlich in Szene zu setzen. Mit vier seiner großen Tableaus, die zwischen ethnographischem Ritual und Mode, New-Age-Kult und Unsinn changieren, ist er in der Galerie Arndt + Partner zu Gast.

In zwei Ausstellungen werden dort unter dem Titel "Stadt Land Mensch" insgesamt acht Fotografen und Fotografinnen vorgestellt, für die Inszenierung und Dokumentation keine gegensätzlichen Pole mehr bilden, die als oberstes Credo über der Arbeit des Fotografen stehen. Sie greifen Mittel der Komposition aus der langen Geschichte der Malerei ebenso auf wie Wahrnehmungsgewohnheiten, die sich mit dem Videoclip und MTV herausgebildet haben.

Im zweiten Teil der Ausstellung, der ab 29. Februar zu sehen ist, sind Beat Streuli und Massimo Vitalis dabei: Die Momente, die Streuli mit dem Teleobjektiv tief aus dem städtischen Raum fischt, tragen alle Anzeichen des Zufälligen und Marginalen, und doch sind sie genau ausgewählt, einen bestimmten Moment der Transformation zu erfassen. Vitalis Ansichten überfüllter Strände in Rosignano Solvay erfüllt ein ausgeblichenes Licht, unwirklich, wie nach dem Moment des Atomschlags. Das vielfigurige Leben an diesem schmalen Streifen Land zwischen Meer und Industrielandschaft wirkt wie eingefroren in seiner Schärfe. Unruhig schweift das Auge über diese Bilder ohne Fluchtpunkt.

Während so die zweite Runde den Landschaften gilt, ist die erste den Interieurs gewidmet. Neben Breunings im Atelier erzeugten künstlichen Welten überzeugen vor allem Stephan Erfurts Aufnahmen aus der Serie "Reichsbank" und aus dem Staatsratsgebäude (jeweils 1200 Mark). Er dokumentiert eine vorgefundene Inszenierung: In dieser Theaterkulisse der Macht hat längst ein anderer Regisseur als der Fotograf selbst seine Hand im Spiel gehabt. Die Gegenüberstellung von Pinkelbecken in der gleichen formalen Reihung wie die Stühle im Sitzungsaal betont das Sterile und Pedantische der Ordnung. Besichtigt wird eine politische Ikonographie, die alles Lebendige erstickt. Den großen repräsentativen Gesten von weiten Foyers und holzgetäfelten Wänden ist ein Schein des Kargen und Rationalen vorgeblendet; Macht versteckt sich hinter Funktionalität.

Dieses Raster der Leblosigkeit wurde schon mehrfach als typische Hinterlassenschaft der DDR interpretiert, als hätte kein anderes System solche Inszenierungen nötig. Es ist schade, dass man nicht die Probe machen und Erfurts Bilder vom Ende einer Epoche mit dem inszenierten Innenleben der Vorstandsetagen der großen Bankhäuser vergleichen kann.Galerie Arndt + Partner, Auguststraße 35, Dienstag bis Sonnabend 12-18 Uhr. Alexei Hay, Tiranit Barzilay, Olaf Breuning, Stephan Erfurt bis 26. Februar; Beat Streuli, Tina Brüser, Torbjorn Rodland, Massimo Vitalis

29. Februar bis 25. März.

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