Kultur : Eine Frage der Ebene

Bodo Mrozek

Eine erstaunliche Metamorphose hat das White Trash Fast Food durchgemacht. Die ehemals in einem China-Restaurant mit Carrerabahn beheimatete Szene-Wärmstube war eine Art Nachtasyl für normale Leute mit Starallüren. Hier musste man niemals fürchten, wegen eines allzu stromlinienförmigen Outfits schief angeguckt zu werden, der Sitznachbar hatte seine Bekleidungsidee schließlich auch der jüngsten Ausgabe des angesagtesten Trend-Magazins entlehnt. Vor Monaten eröffnete das White Trash nun neu in einem ehemaligen Irish Pub (Schönhauser Allee 6-7). Kenner legten den Kopf schief und unkten: viel zu groß! Stört aber keinen. Im Gegenteil, selbst erwachsene Menschen stehen nun geduldig Schlange und schleimen sich beim Türsteher ein, statt sich auf gut berlinisch über die „Münchner Verhältnisse“ zu beschweren.

Das Erfolgsgeheimnis des White Trash brachte die Organistin einer Psychobillyband (ja, zu solcher Musik tanzt Mitte neuerdings) auf den Punkt, die neulich murmelte, sie käme sich hier vor wie in einer Grafik von M.C.Escher: Überall winden sich Treppen und Gänge auf mehreren Ebenen, ohne irgendwohin zu führen. Unten gibt’s Konzerte, oben legt ein DJ auf und manchmal tanzt dazu ein muskulöser Mann einen Schleiertanz auf der Bar. Das Publikum schiebt sich durch die verwinkelten Gänge, das Handy am Ohr: Wo bist du? Bin seit einer halben Stunde auf dem Weg zur Toilette! Wir treffen uns auf Ebene drei. Wenn heute King Khan , amtierender Meister des Voodoo-Soul und der Penisentblößungen mit seiner Band BBQ anlässlich der „Billion Dollar Night of Trash“ spielt, wird es wieder gerammelt voll sein (21 Uhr). Das kann ein Vorteil sein. Denn das White Trash ist derzeit der einzige Club, in dem man mangels Übersichtlichkeit Menschen aus dem Weg gehen kann, denen man nicht begegnen will.

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