Kultur : Eine Frage der Farbe

Bühne für das Pathos: Warum Lajos Koltai mit „Fateless“ nicht überzeugt

Anna Roth

Gleichgültigkeit. Etwas Schlimmeres hätte die Verfilmung des „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész kaum auslösen können. Roberto Benignis und Steven Spielbergs Holocaust-Filme zwingen zumindest dazu, die Gefühle zu beherrschen – schließlich sind „Das Leben ist schön“ und „Schindlers Liste“ so schmerzhaft kitschig geraten, dass der kritische Zuschauer jegliche Regung eher leugnet. In solche Bedrängnis führt „Fateless“ nicht – zu banal reiht der Film die Stationen des Holocaust im Budapest der Jahre 1944/45 und in den Konzentrationslagern aneinander. Liegt es an der pathetischen Musik von Ennio Morricone, der sich von der Stimmung seines 1984 komponierten Soundtracks zu „Es war einmal in Amerika“ offenbar nicht lösen kann? Oder sorgen dafür die pathetischen visuellen Instrumente, die nahezu monochrome, graubraun gefilterte Bilder auf die Leinwand gießen?

Der Regisseur Lajos Koltai, lange Jahre Kameramann von István Szabó, setzt auf künstlich eintönige Düsternis – doch nicht konsequent: So wird die entzündete Wunde am Bein des Protagonisten Gyurka Köves (Marcell Nagy) mit den darin kriechenden Würmern in Rot gezeigt. Die Farben verkommen zum visuellen Effekt. Fatale Folge: Je mehr Gyurka sich dem Lager nähert und je düsterer die Farben werden, desto mehr wirkt die ungarische Produktion „Fateless“ wie ein Hollywood-Holocaustfilm.

Natürlich weiß der kameraerfahrene Koltai mit Cinemascope umzugehen. Hier aber wirkt das Format unangemessen. Der Farbton- und Filtermeister, dessen Stil und Handwerk ideal zu Kostümfilmen passen (man denke an „Sunshine“, „Malena“ oder „Alle lieben Julia“), erreicht hier nur Künstlichkeit. Das Künstlerische findet keinen Platz.

Imre Kertész hat selbst das Drehbuch nach seinem Roman geschrieben, und es scheint, als hätte er damit dem gesamtern Vorhaben seinen Segen erteilt (siehe Interview). Kertész akzentuierte die anekdotischeren und persönlicheren Elemente – auf Kosten der zurückhaltenen Sprache des Romans und seiner Ironie. Nur: Ist es nicht absurd, einen philosophischen Roman ohne Philosophie zu erzählen?

Wenn ein Drehbuch auf so viel verzichtet, müsste die Regie zum Ausgleich das Doppelte leisten. Stattdessen reiht Koltai mit handwerklicher Sorgfalt einfühlsam gemeinte Bilder aneinander und hält sich im Übrigen sklavisch and den Text. Nicht einmal Versuche einer distanzierten Erzählweise sind zu entdecken – dabei bestimmt gerade sie die Haltung des Romans. Stattdessen flüchtet sich Koltai recht breit in das abgenutztes Mittel der Erzählerstimme aus dem Off. Zu wenig.

Die Distanz, die aus alledem entsteht, ist dann die des Zuschauers: Er sieht ein bloßes Schauspiel mit gut geschminkten Akteuren. Das Konzentrationslager bleibt lediglich Dekor: ein Bühnenbild. Auch von Gyurkas Geschichte bleiben nur Klischees übrig, überzuckert durch die Musik von Morricone. Geradezu peinigend die hungarisierenden Zimbeln!

Schließlich zeigt sich, dass das Philosophische sich doch nicht ganz aussparen lässt. Das Ende des Romans (und des Films) aber tönt wie in ein Vakuum hinein: „Es gibt keine Absurdität, die man nicht ganz natürlich leben würde, und auf meinem Weg, das weiß ich schon jetzt, lauert wie eine unvermeidliche Falle das Glück auf mich“, heißt es dort. „Denn sogar dort, bei den Schornsteinen, gab es in der Pause zwischen den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich war. (...) Vom Glück der Konzentrationslager müßte ich ihnen erzählen ...“

Da ist sie, die philosophische Tiefe des Romans: die unerhörte Erfahrung von Glück mitten im Schrecken. Zu spät für den Film, zu spät.

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