Kultur : Eine Frage der Haltung

„Framing Reality“: Regisseure diskutieren über digitale Kinowelten

Mathias Heybrock

Früher, erzählte ein Kameramann, wurde er von jedem Produzenten schräg angeschaut, wenn er die Kamera zu lange laufen ließ. Heute dagegen falle es auf dem Set auf, wenn nicht ständig gedreht würde. Mit dieser Beobachtung war auf den Wechsel vom teuren Filmmaterial zum eher kostengünstigen digitalen Format angespielt. Die Teilnehmer der Minitagung „Framing Reality“, einer Art Theoriesektion der Berlinale, vermochten sie durchaus zu teilen, als sie am Sonntag Nachmittag über „Bytes and Celluloid“ redeten – so der Titel eines von zwei Panels. Wobei man Begriffe wie digitales Kino eher vermied. Sagen wir lieber „Materialrevolution“.

Auf dem Podium saß auch die dänische Regisseurin Lone Scherfig. Sie hatte ihren letztjährigen Berlinale-Publikumshit „Italienisch für Anfänger“ digital gedreht und dabei Unmengen von Material verschossen, das erst am Schneidetisch zu seiner Form fand. Bei diesem Prozess, so ihr Fazit, sei die Konzentration auf Kadrage und Inszenierung verloren gegangen. Für den dieses Jahr als Sondervorführung gezeigten „Wilbur wants to kill himself“ hat sie ihre Arbeitsweise daher komplett geändert und sich „wie blöd angestrengt“, das ebenfalls digital gedrehte Werk wie Film ausschauen zu lassen.

War solcherart das gestaltete Bild wieder ins Recht gesetzt, befasste sich der zweite Teil der Veranstaltung mit dem Ton, der im Kino nur zu gern vernachlässigt wird. In unserer Gutenberggalaxis sei das Ohr unterdrückt, lautete die Feststellung. Und wie beim digitalen Bild führen auch die synthetischen Sounds zu einer Aufwertung der Postproduktion, gegenüber der der eigentliche Dreh zur lästigen Pflichtübung verkomme. Kaum ein Filmemacher mache sich noch die Mühe, am Set Originaltöne aufzunehmen, so der Dokumentarfilmer Thomas Schadt. Ob wir nicht die Fähigkeit verlieren zu hören, was um uns herum ist? In die anschließende Pause hinein klingelte ein Handy.

Auch wenn sich die Teilnehmer bemühten, neutral von einer „neuen Kultur des Digitalen“ zu sprechen, war eine allgemeine Melancholie unüberhörbar. Spätestens in 15 Jahren, wusste etwa der Londoner Medientheoretiker David Rodowick, wird Kodak sich aus dem Geschäft mit dem Filmmaterial zurückgezogen haben. In dieser Endzeitstimmung wollten manche dann auch noch den Kinosaal als sozialen Ort mit verabschieden: Denn längst entscheide die DVD-Auswertung und nicht mehr das Box-Office über Erfolg oder Misserfolg eines Filmes. Nur Tom Tykwer blieb unerschütterlich und wollte das Digitale nicht gegen das Analoge ausgespielt wissen. Wichtiger als die Frage nach dem Material sei, was der Regisseur damit anstellt. Filme zu machen ist und bleibe eine Frage der Haltung.

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