Kultur : Eine Frau, die keine Wahl hat

Wundersame Erstaufführung: „Sophie’s Choice“ von Nicholas Maw an der Deutschen Oper Berlin

Sybill Mahlke

Es gibt eine konservative Moderne, der man nicht böse sein kann. Dass sie aus England kommt, verwundert nicht, galt doch schon Benjamin Britten der festländischen Avantgarde seiner Zeit als Prototyp des Eklektikers. Um die letzte Jahrhundertwende aber entsteht ein Werk, das auf einer besonders einsamen musikalischen Insel seine Heimat hat: „Sophie’s Choice“, 2002 unter Simon Rattle an Covent Garden in London uraufgeführt.

Der Name des immerhin 70-jährigen Komponisten Nicholas Maw ist hierzulande fremd geblieben. Seine Erfolge bei den BBC Proms und in Glyndebourne wollte das Meer nicht herüberspülen. Was Maw auf sein eigenes Schöpfereiland mitgenommen hat, um „Sophie’s Choice“ zu schreiben, sind Spuren und Klänge romantischer Ästhetik und die Überzeugung von ihrer Kraft.

Wenn die deutsche Erstaufführung an der Deutschen Oper Berlin sich aus duftigen Streicherklängen erhebt, die schönsten Holzbläsersoli ausschweifen, Linearität triumphiert, die Oboe die Liebe begleitet, Glocken und Harfen nach verlorener Heimat klingen, können Laien und Fachleute über diese tönende Einfalt staunen.

Mit viel Parlando, vielen Pausen, viel Cantabile verlangt die Partitur einen erfahrungsreichen Dirigenten. Leopold Hager, der die Produktion auch seiner Volksoper Wien zuführen wird, ist ein solcher stiller Souverän, dem das Orchester der Deutschen Oper gerne folgt. Hier und da steigert sich der Apparat mit fünf Hörnern in aufgeregte Dramatik. Es mischt sich in dieser seltsamen Musik Unbekümmertheit mit dem, was alte Zeiten „Kompositionswissenschaft“ (Haydn) genannt haben. Maw muss ein guter Lehrer (derzeit in USA) sein, weil „Sophie’s Choice“ klingt, als habe ihr Autor jede Menge instrumentaler und satztechnischer Handwerkslehren gelesen. Vergnügtes platziert er über die schwermütige Grundstimmung des Ganzen, dessen Sog sich bei wiederholtem Hören verstärkt.

„Heute feiern wir!“ Brooklyn, im Sommer 1947. Das sind die drei Hauptfiguren: Sophie, eine katholische Exil-Polin, die Auschwitz überlebt hat, Nathan, ihr Geliebter, ein jüdischer Intellektueller, und Stingo, ein jugendlicher Schriftsteller aus den Südstaaten. In der Oper, die Maw aus dem autobiografischen Bestsellerroman von William Styron verfertigt hat, tritt ein Ich-Erzähler hinzu, der jene Nachkriegsbegegnung in den späten Siebzigern reflektiert: Stingo, in die Jahre gekommen. Freundschaft, Streit, Tod: Das Liebespaar hat Probleme, weil Nathan Paranoiker ist, Nathan hat Probleme mit Stingo, in denen sich Eifersucht und Politik trübe vermischen, und die schöne Sophie lügt sich durch, um ihr Leben zu retten. Schließlich erfährt Stingo in einer Art von Beichte, dass Sophies Vater in Polen ein früher Nazi war, dass sie Komplizin des Systems wurde und sich mit dem Schriftgut ihres verhassten Vaters bei dem Auschwitz-Kommandanten Höß einzuschmeicheln suchte. Alle Schuld – vergebens. Der Lagerarzt an der Rampe „beschenkt“ sie mit der Wahl, eines ihrer Kinder zu retten, während das andere in den Tod geht. Sie opfert das Mädchen.

Man spricht deutsch in den Auschwitz-Szenen. Das hat die Berliner Aufführung mit dem Film von Alan J. Pakula gemein, einem poetischen Melodram um die unvergleichliche Meryl Streep. Der Wechsel in die Sprache der Täter erinnert auch an Arnold Schönbergs „Überlebenden aus Warschau“. Die Geschichte bedingt Rückblenden, mit denen der Film sich leichter tut als die Bühne.

Trotzdem ist bemerkenswert, wie Regisseur Markus Bothe die Personen (mit Fantasie eingekleidet von Dorothea Katzer-Dittrich) auf- und abführt, tanzen, wirbeln und hocken oder bäuchlings zu dritt an der Rampe aus einem Büchlein lesen lässt. Hierfür hat Robert Schweer das Einheitsbild erstellt: ein Podium aus gelben Kacheln mit kleinen, feinen Freiheitsstatuen als Verzierung, im Hintergrund Tausende von Menschenporträts, die für Millionen stehen. So umgibt ein Mahnmal die sommerlich helle Spielfläche. Aus dem Dunkel tritt die Vergangenheit hervor. Auschwitz in der Oper – ein heikles Wort. Hier wird die Inszenierung pauschal, wenn die kleine Bühne zerbrochen ist, die Einzelteile mit den Darstellern darauf wie Eisschollen voneinander getrennt, wenn Sophies Entscheidung mit niedlichen Theaterkindern nachgestellt wird und der Erzähler fragt: „In Auschwitz, tell me, where was God?“

Dreieinhalb Stunden besteht die Gelegenheit, einem exzellenten Ensemble zu lauschen, mit Lenus Carlson (Narrator), Morten Frank Larsen (Nathan), Matthias Klink (Stingo), Wicus Slabbert (Sophies Vater Bieganski), Markus Brück (Doktor), Melba Ramos (Wanda, Widerstandskämpferin), Kurt Schreibmayer (Rudolf Höß). An der Spitze und abendfüllend in jeder Beziehung: Angelika Kirchschlager als Sophie, die Wunschprotagonistin des Komponisten.

Im Rahmen der „Tage der zeitgenössischen Oper“ kann man schon einmal Donaueschingen vergessen, aber das Kennenlernen dieses Werkes begrüßen.

Weitere Vorstellungen am 27. und 30. September, jeweils 19 Uhr

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