Kultur : Eine Gabe, die bewegt

Literaturnobelpreisträger Imre Kertész übergibt der Berliner Akademie der Künste sein Archiv.

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Foto: dapd
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Am 10. Oktober 2002 gratulierte der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel Imre Kertész per Brief zum Literaturnobelpreis und bedauerte, dass sie einander, obwohl sie in Auschwitz und Buchenwald dazu womöglich die Gelegenheit gehabt hätten, nie begegnet seien. Über diesem Autograf ist das handschriftliche Fax einsehbar, in dem der ungarische Schriftsteller gebeten wird, die schwedische Akademie möglichst schnell anzurufen. Die beiden in zwei kleinen Schaukästen zu besichtigenden Exponate sind Teil des 35 000 Blatt umfassenden künstlerischen Archivs, das der Berliner Akademie der Künste, unterstützt von den Kulturstiftungen des Bundes und der Länder und der Friede-Springer-Stiftung, am Donnerstagabend in einer Festveranstaltung übergeben wurde.

Darunter befinden sich auch die Tagebücher, in denen der Wahlberliner Kertész seinen über 13 Jahre hinweg entstandenen und 2003 erschienenen Roman „Liquidation“ begleitet. Er habe sich, heißt es in einem Eintrag von 2001, vom Gedanken der Liquidation leiten lassen, um sich vom Material seines Lebens zu befreien, obwohl er doch gar nichts aufbewahren wolle. Dass Kertész dieses Konvolut ausgerechnet einer deutschen Akademie überantwortet, würdigte Kulturstaatsminister Bernd Neumann als „bewegende Geste des Vertrauens und der Versöhnung“.

Kertész gehört zu den Überlebenden des Holocaust, die aus der Schuld, überlebt zu haben, kreative Energie bezogen. Das Schicksal, als ungarischer Jude mit fataler Sicherheit in einem KZ zu landen, gab ihm auf, ebendas „in Abstraktion“ zu verwandeln: „Es gab nie eine Alternative beim Schreiben.“ Daraus resultiert auch seine häufig demonstrierte Unerschütterlichkeit des Verhältnisses zum eigenen Werk.

Was ihn von anderen schreibenden Landsleuten unterscheidet, ist seine kompromisslose Gegnerschaft zum kommunistischen Regime. Genau eine Woche zuvor hatte die berühmte ungarische Philosophin Agnes Heller im Zentrum für Antisemitismusforschung an der Berliner TU wieder einmal auf den kategorialen Unterschied zwischen Holocaust- und Stalinismus-Opfern hingewiesen. Kertész aber besteht auf den Ähnlichkeiten zwischen rassistischem Nationalismus und kommunistischer Diktatur. Dass sich die Ungarn vielfach nach der sozialistischen Ära zurücksehnen, nimmt er ihnen vielleicht noch übler als die Wahl einer Partei, die offen antisemitisch auftritt.

Und doch bleibt Ungarn, selbst seit Kertész im Berliner Westen wohnt, wo er ein Stück altes Budapest zu finden meint, ein zentraler Bezugspunkt. Aus den von Hermann Beil vorgetragenen Tagebuchsequenzen geht hervor, dass er mit dem Nobelpreis – bei allem Sarkasmus angesichts des damit verbundenen Trubels – die Hoffnung verband, dass seine Heimat ihn endlich zur Kenntnis nähme. Doch das Gegenteil war der Fall, die Auszeichnung befördert die Schmähungen und Beschädigungen: „In Ungarn hat man mich nie verstanden.“

Was sich aus den oft szenisch und dialogisch gehaltenen Tagebuchblättern ebenfalls ablesen lässt, ist die Auseinandersetzung des 1929 Geborenen mit der sich anschleichenden Parkinsonerkrankung und mit den letzten Dingen. Im Grunde sei er ein unverbesserlicher Konservativer, schreibt er dort, der, wenn es ihn denn gäbe, an Gott glauben würde. So aber wurde die Kunst sein Gott, denn „unkreatives Leben ist gottlos“.

Kertész wird ein vergleichsweise schmales Werk hinterlassen, dessen Tiefe wohl erst durch das schwere Pfund, das die Akademie nun beherbergt, ausgelotet werden kann. Deshalb mache ihn dieser Abend „recht glücklich“, gab Akademiepräsident Klaus Staeck zu Protokoll. Kertész, der sich als öffentliche Person erklärtermaßen fehl am Platz fühlt, warf ein paar glückliche Handküsschen ins Publikum. Ulrike Baureithel

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