Kultur : Eine Geschichte vom Blick

Herbst des Dokumentarfilms: Festivals in Leipzig und Neubrandenburg

Silvia Hallensleben

Zum zweiten Mal wurde auf dem Leipziger Dokumentarfilmfestival eine Prämie nicht vergeben: Waren es im letzten Jahr die Animationsfilme, die dem beauftragten Ministerialbeamten der Prämierung nicht würdig erschienen, wurde diesmal der Umweltpreis von Seiten des zuständigen Bundesministeriums nicht vergeben. Als Preiskandidaten hatte das Festival eine Dokumentation vorgeschlagen, die sich mit geduldiger Hingabe einer selten gewordenen Lebensweise annimmt: die „Hirtenreise ins dritte Jahrtausend“ des Schweizer Regisseurs Erich Langjahr, der damit seine Trilogie zu „elementaren Fragen menschlicher Existenz“ (Langjahr) abschloss. Der Film, so das Bundesumweltministerium, sei zwar ein „schöner Dokumentarfilm“, der „unter Freunden der Filmkunst durchaus auf Interesse stoßen“ könne, einem „breitem Publikum“ aber nicht zumutbar sei. Eine Begründung, die mehr sagt über ihre Urheber als über das, was sie treffen will.

Billiger als Heu

Der Regisseur selbst dürfte die Geschichte mit amüsiertem Schmunzeln in seinen Anekdotenschatz aufnehmen. Denn sein Schäferfilm ist gerade mit großem Publikumszuspruch in der Schweiz angelaufen und hat neben zwei anderen Preisen in Leipzig auch die Goldene Taube eingesammelt. Zu Recht, wenn auch ein wenig überraschend, weil hier keine aktuell aufwühlenden Themen verhandelt werden, sondern Fragen, die still im Hintergrund schlummern, aber nicht weniger weltbewegend sind. Es geht um Menschen, die im Zentrum Europas einen Beruf ausüben, der uralte Tradition mit modernen Outsourcing-Praktiken verbindet: Auch fremder Leute Schafe hüten ist erstmal eine Dienstleistung. „Ich bin billiger als Heu“, sagt einer der Protagonisten nüchtern. Und doch ist es auch der Eigensinn, der diese letzten Nomaden umtreibt,Verbundenheit mit Natur und Tier. Von wegen Schäferidylle: Die Weidezüge werden durch Straßen und Industrieanlagen begrenzt, Schlachthof, Seuchenprophylaxe und den Tier-Groß-Transportern sind immer präsent.

Das Tempo ist gemächlich. Langjahr passte sich, auch in der Produktionsweise, dem fußläufigen Lebensrhythmus der Hirten an, sieben Jahre Drehzeit, zweieinhalb Jahre Schnitt. Soll ein Publikum sich deshalb gleich langweilen? Im Gegenteil: Der lange Atem lässt Zeit- und Raumbezüge aufregend neu erfahren. Wie kann man der Wirklichkeit noch mit Bildern auf die Schliche kommen in Zeiten der visuellen Inflation? Langjahrs Antwort ist die persönliche Beharrrlichkeit. Zwei andere Filmemacher wählen einen ebenso subjektiven, doch radikal anderen Weg. Dabei verweisen beide auch auf national-typische Erzähltraditionen. Während Michael Moores schon in Cannes präsentierter Film „Bowling for Columbine“ dem US-amerikanischen Verhältnis zur Gewalt unter vollem Einsatz der Person des Regisseurs und mit einem unterhaltsamen Potpourri an investigativen Methoden nachgeht, entwickelt der weißrussische Regisseur Jurij Chascevatskij eine eigenartige Kombination von polemischer Montage mit ironischer Dauer-Kommentierung, die er nach Lukaschenko und der orthodoxen Kirche jetzt auf den Krieg in Tschetschenien anwendet. „Gefangen im Kaukasus" ist von schockierender Brutalität und agressiver Attitüde, entsprechend den Realitäten dieses verdrängten schmutzigen Krieges.

Verstörend auch „Exil in Sedan“ des deutsch-französischen Malers und Filmemachers Michael Gaumnitz, dem das rare Kunststück gelingt, eine Familiengeschichte ganz ohne langatmige Interviews und die üblichen Wehleidigkeiten zu erzählen. Allein der Stoff um Gaumnitz‘ Vater, der sich nach schuldhaften Kriegserlebnissen in lebenslange Isolation vergräbt, ist brisant. Noch mehr beeindruckt allerdings, wie der Filmemacher seine Recherche-Reise in die Vergangenheit unter Einsatz malerischer Animationstechniken und einer klugen Spannungs-Dramaturgie nacherlebbar macht. Die Suche nach dem dunklen Fleck im Familienalbum wird so überzeugend aufgelöst, dass der Verdacht aufkommt, alles könnte einfach nur genial erfunden sein. An der Qualität des Films würde das nichts ändern.

Eine Familiengeschichte könnte auch Thomas Heises „Vaterland“ sein: ein Dorfporträt mit einer Rest-Familie versprengter Einzelexistenzen, die nur die Stammkneipe als Wohnzimmer zusammenführt. Ostdeutsches Provinzleben zwischen verlorener Vergangenheit und nichtexistenter Zukunft, Armee-Ruinen, Weihnachtsmarkt und Bundeswehr. Perspektivlosigkeit, die der Film reproduziert, ohne zu ihrem Verständnis beizutragen. Konstatierender Nihilismus, der nichtsdestotrotz eine Silberne Taube erhielt.

Ein weiteres Festival widmet sich im Oktober dem Dokumentarfilm, die dokumentART im mecklenburgischen Neubrandenburg, mit dem Schwerpunkt auf osteuropäischen Produktionen. Beispielhaft auf den Punkt gebracht erscheint ein Grundkonflikt dokumentarischen Arbeitens in dem Film, der hier den zweiten Preis gewann: Mohsen Makhmalbafs „Afghanisches Alphabet“. Er zeigt afghanische Flüchtlingskinder im Iran, die erstmals im Leben zur Schule gehen dürfen. Doch bei vielen Mädchen verhindert der Schleier den Blick auch auf die Tafel und die Lehrerin macht es zur Bedingung, die Verhüllung so weit zu lüpfen, dass die Augen herausschauen können.

Teure Beute

Dem Regisseur ist das offensichtlich nicht genug, mit Nachdruck geht er in die nächste Runde. Am Ende stehen sich zwei Menschenrechte gegeneinander. Das eine wird mit allem agitatorischen Eifer verteidigt: der freie Blick in die Welt. Das andere wird bedenkenlos verletzt: das Recht auf das eigene Bild. Triumphal starrt das Kameraauge am Ende auf das entschleierte Gesicht der jungen Frau, als diese sich nach langem Drängen endlich fügt. Lange, zu lange bleibt diese Einstellung auf der Leinwand stehen. Dann ist der Film zu Ende. Ein Akt der Befreiung? Oder nicht doch ein Übergriff?

Der Dokumentarfilm soll dem Menschen dienen. Doch gleichzeitig ist dieser ihm Beute, manchmal mit Tricks und Fallen gejagt. Die Lösung dieses Konflikts liegt in keiner Methode, sondern allein in der Persönlichkeit der Filmemacher, der Ernsthaftigkeit ihres Interesses und der konkreten Beziehung zum Sujet. Makhmalbafs Anliegen war aufrichtig, es mangelte ihm aber an Respekt für seine Heldinnen. Beim Gewinner des Hauptpreises der dokumentART, „Kusum“ von Jouko Aaltonen, der 70 Minuten lang den rituellen Heilungsweg eines von Geistern verfolgten indischen Mädchens verfolgt, ist man sich auch über die Motivation des Filmemachers nicht mehr ganz so sicher: Zu sehr überwiegen hier die kulinarischen Genüsse. Nichts gegen orientalische Farbenpracht. Doch ein gewisses Maß an kritischer Selbstreflektion ist gerade beim Blick in exotische Fernen angebracht.

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