Kultur : Eine Geste, ein Witz – und Goethe

Den Einzelnen retten, das Ganze bewahren: Dzevad Karahasan eröffnet das 2. Internationale Literaturfestival Berlin

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Am Anfang – eine Geste. Noch bevor die Literatur selbst zum Zuge kommt, dürfen diejenigen ins Berliner Ensemble einziehen, die ihr bis zum 21. September eine Bühne schaffen. Ulrich Schreiber, der Leiter des 2. Internationalen Literaturfestivals, bittet seinen ganzen Stab aus der Kulisse, dazu alle Praktikanten, ein fröhliches Menschengedränge, das in den nächsten Tagen ein noch größeres Menschengedränge durch mehr als 200 Veranstaltungen navigieren wird.

Und dann – ein Witz. Er sei wohl jüdisch, auch wenn er ihn als Witz aus seiner bosnischen Heimat kenne, erklärt Dzevad Karahasan in seiner Eröffnungsrede. Er handelt von Ivek, der in der Kneipe den Gast neben sich umbringt, nachdem er erfahren hat, dass der Mosche heiße. Bei der Polizei rechtfertigt er sich mit der Frage: „Und was haben sie unserem Jesus angetan?“ Darauf der Polizeiinspektor: „Aber das war doch vor 2000 Jahren!“ Antwort Ivek: „Ich habe davon erst gestern erfahren.“ Ist das nur ein Witz?

„Die Literatur als Verteidigung unserer Geschichte“: Das ist eine Strukturanalyse dieses Witzes in drei Schritten und der Versuch, die frei gelegten Schichten in der Wirklichkeit wiederzufinden. In Iveks ahistorischem Bewusstsein entdeckt Karahasan die gleiche Logik, mit der General Ratko Mladic das Massaker von Srebrenica rechtfertigte – nämlich als Rache für die 600 Jahre zuvor von den Serben verlorene Schlacht auf dem Amselfeld. In Iveks Ich, das sich umstandslos als Wir versteht, findet er Spuren eines industriellen Kollektivismus, der eben nicht vormodern ist. Und in Iveks Neigung, das Eigene und das Fremde als einander ausschließende Prinzipien zu betrachten, sieht er eine Verwandtschaft zu Samuel Huntingtons Thesen über den „Kampf der Kulturen“, die in Karahasans Augen Hass und Identität auf fatale Weise miteinander verbinden.

Eine Rede zum 11. September also. Aber auch ein philosophischer Essay, der den mittelalterlichen Universalienstreit um den Wirklichkeitsgehalt sprachlicher Allgemeinbegriffe in der Literatur aufgehoben sieht: „Nur wenn wir der unverbrüchlichen Verbundenheit von Nominalismus und Realismus Rechnung tragen, wenn wir sowohl den Wald als auch jeden einzelnen Baum im Sinn haben, nur dann werden wir das Leben nicht um des Begriffes willen übersehen, aber auch den Begriff nicht vernachlässigen.“

Zum Schluss – Goethe. Glücklich möge sich schätzen, wer am Ende seiner Tage eine Form in seinem irdischen Dauern erkenne, zitiert Karahasan ihn. Für den Schriftsteller eine Aufforderung, Struktur und Geschichte miteinander zu versöhnen – und sein Leben wie ein Stück Literatur anzulegen. Zum Auftakt dieses Festivals ist das eine schöne Sehnsucht. Gregor Dotzauer

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