Kultur : Eine glückliche Natur

Zum 60. Geburtstag des Liedermachers Reinhard Mey

Manfred Maurenbrecher

Bei mir war es „Kaspar“, die Ballade vom Findling, der von den Dörflern erschlagen wird, die mich für ihn eingenommen hat. Kaspars Freund, der Lehrerssohn, singt es, und sein Bericht ist präzise, detailreich, fassungslos. Jemand, der sich über die Unvernunft der Leute keine Illusionen macht, aber auch darüber nicht, dass er einer von ihnen ist. Mit „Kaspar“ von seiner zweiten LP war ich für Reinhard Mey gewonnen, bezaubert von seiner Klarheit und seinem Schmelz. Obwohl die Musik betulich daherkam (was mir heute gefällt) und wir Jüngeren ihn als den Freund der älteren Schwester ansahen, als strebsamen jungen Erwachsenen.

Daran hat sich eigentlich bis heute nichts geändert. Für den Geschmack einer bestimmten Sorte Kritiker war Reinhard Mey immer zu nett. Ich glaube, das hat ihn gewurmt und böse gemacht auf auf den zynischen Zeitgeist und seine Vorurteile. Es hätte ihm aber auch egal sein können, denn viele Menschen haben ihm erst nur wegen seiner Konzilianz zugehört, angezogen von seiner glücklichen Natur. Er konnte sie mitnehmen zu den ihm wesentlichen Dingen. Meine Cousine zum Beispiel, die jetzt, im gleichen Alter wie der Sänger, viel unbestechlicher gegenüber unseren kulturüblichen Selbstlügen dasteht als ein paar der Studienräte, die damals den Degenhardt und den Biermann vorzogen.

Schon auf der zweiten LP ist der Kreis gezogen, den Reinhard Mey immer neu umfahren hat mit seinen Liedern, die satt sind von Einfällen, Lebensfreude und Übermut. Satirische Schlittenfahrten sind darunter, Liebesbekenntnisse, Abschieds- und Willkommensgrüße mit einem wehmütigen Tasten am Jenseitsrand. Dann und wann ein Ohrwurm. So beständig die Produktivität, so gleichförmig ihr Rhythmus: ein knappes Jahr Erfinden, dann Aufnahme, Medienpräsenz, dann Tournee. Immer in Anwesenheit eines Publikums, das auf ihn wartet. Fast keine Werbetrommel. Nie eine richtige Flaute. Keine Kehrtwendung. Kein Schnickschnack. Bühnenpräsenz vor Zehntausenden ein paar Monate lang jeden Abend. Dementsprechend (kein Lebenswandel ohne Schattenwurf) ein ausgeprägter Eigensinn.

Wem also die Krisenhaftigkeit der Getriebenen suspekt ist, der kann in kluger Ruhe mit Reinhard Mey durchs Leben ziehen, der ihm zu jeder existenziellen Gelegenheit das passende Lied geschrieben hat. Wem dies Gleichförmige aber suspekt ist – auch der findet Formulierungen, Einkreisungen, Strophen und ihre Echos bei diesem großen Liederdichter, in denen auf einmal alles in Frage gestellt wird und als ein Spiel zeigt, dessen Regeln wir nicht kennen.

Manfred Maurenbrecher, 52, ist Liedermacher und Kabarettist. 2002 erschien seine CD „Gegengift“ (Lamu-Musik).

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