Kultur : Eine göttliche Komödie

Salvador Dalí war ein Meister der Vermarktung – und ruinierte damit seine Grafikpreise

Matthias Thibaut

Die aufschlussreichste Dalí-Anekdote erzählt der französische Kunstverleger Jean-Paul Delcourt, der seine Geschäfte eigentlich mit Auflagen eines von Dalí entworfenen siebenarmigen Leuchters macht – die fünf Meter große Version wurde 1998 am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv aufgestellt. Einmal vermittelte er einem englischen Händler einen Satz von Grafiken des spanischen Meisters, doch es gab Beschwerden. Enrique Sabater, einer der emsigen „Sekretäre“, die Dalí anzog wie das Licht die Motten, erklärte, die Blätter wären Fälschungen. Als Delcourt sie Dalí zeigte, flüsterte dieser seiner tüchtigen Frau Gala etwas ins Ohr, die dann zu Delcourt sagte: „Die Motive sind richtig, die Signatur ist gut, aber das Werk ist eine Fälschung.“ „Wieso?“, fragte Delcourt, und erhielt zur Antwort: „Die Blätter wurden nicht bezahlt“. Es war die Zeit, in der Dalí tausende signierter, leerer Blätter an Händler und Verleger verkaufte und ihnen erlaubte, Motive seiner Werke als Lithografieserien auf den Markt zu bringen – die jedoch oft nur Offsetdrucke waren.

„Avida Dollars“ – dieses Acronym bildete André Breton höhnisch aus dem Namen Salvador Dalís – worauf dieser in seiner „Dalí d’Or“-Serie stolz eine gleichnamige Brosche auflegen ließ. „Die einfachste Methode, dem Gold nicht zu verfallen, war, es selber zu haben“, schrieb Dalí im „Tagebuch eines Genies“. Seine Geldgier war notorisch und sie hätte seinen Ruf als Künstler fast ruiniert. Aber eben nur fast. „Wir sollten ihm die Geldgier nicht zu sehr nachtragen“, meint Andrea Patroni vom Londoner „Dalí’s Universe“. Warum auch? Dieser „Dalí Theme Park“ lockt jährlich 250000 Besucher an und füllt, zusammen mit dem angegliederten Museum in Paris und einer Reiseshow, die bereits China und Australien erreichte, bis heute die Taschen eines der rührigsten Vermarkter Dalís: Beniamino Levi.

„Dalí ist der eigentliche Vollender des Surrealismus“, so Patroni, „aber er ist auch der erste Superstar der modernen Kunst“. Denn er war der erste Künstler, der aus seiner Genialität einen Markenartikel machte. So wurde er schließlich auch zum Vorbild für Andy Warhol.

Großinquisitor des Unbewussten und der erste Zelebrant am Altar seines eigenen Genies – so widersprüchlich wie der Künstler ist sein Markt. Den für die Grafik hat Dalí eigenhändig ruiniert. „Viele Künstler werden gefälscht, aber keiner hat wie Dalí mit seinen Fälschern zusammengearbeitet“, sagt Richard Lloyd, bei Christie’s Experte für Grafik. Für ihn gibt es keinen Grund, sich einem Dalí-Blatt mit Kaufabsichten zu nähern. „Da geht man besser in den Museumsshop und kauft sich ein Poster. Da weiß man, was man hat“. Die deutschen Spezialisten Ralf Michler und Lutz Loepsinger haben in ihr Verzeichnis der Druckgrafik Dalís Werke nach 1980 gar nicht aufgenommen. Aber die Listung der zusätzlichen Auflagen und „Reproduktionen“ im Anhang des Katalogs unterstreicht das Durcheinander. Zwischen 1983 und 1992 wurden laut Loepsinger falsche Grafiken für drei Milliarden D-Mark verkauft. Dalí ließ in der Papierfabrik Arjomari drucken, deren Papiere Wasserzeichen zieren. Schon anhand der fehlenden Symbole sind die späten Drucke leicht identifizieren. Trotzdem ist der Markt ruiniert. Die großen Auktionshäuser nehmen kaum noch Dalí-Grafiken in ihr Angebot – höchstens einmal ein Mappenwerk und dann sind die Preise bescheiden. Die 100 Holzschnitte von Dalís „Göttlicher Komödie“ kosten heute um 20000 Dollar – halb so viel wie Ende der Achtzigerjahre.

Nicht weniger umstritten ist der Markt für Skulpturen. Zyniker behaupten, Dalí habe nie etwas modelliert und es handle sich nur um Umsetzungen malerischer Motive durch fleißige Werkstättenarbeiter. Doch dieses Argument wird durch den „konzeptuellen Ansatz“ der Skulpturen entkräftet. Dalí schuf in der Blütezeit des Surrealismus in den Dreißigerjahren eine Reihe berühmter Objekte – vom „Lobster Telephone“ bis zum „Mae West Sofa“. Die meisten, wie die „Marianne mit Baguette“ oder das „Objet surrealiste“ wurden in den Siebzigerjahren zunächst in niedrigen Auflagen herausgebracht. Max Clarac und die Pariser Galerie Dragon etwa ließen die „Venus de Milo aux tiroir“ auflegen. Vor vier Jahren wurde in London eine 97 Zentimeter große Version für stolze 225000 Pfund versteigert.

Ein neuer Catalogue Raisonnée der Objekte von dem Ex-Sekretär und Dalí-Papst Robert Descharnes schafft hier nun Ordnung und Überblick. Aber Exklusivität gehört nicht zu den Stärken dieses Marktes. Das Rotterdamer van Beuningen Museum konnte 2003 das Original des berühmten „Mae West Lip Sofas“, das Dalí 1936 für den Exzentriker und Sammler Edward James entwarf, bei Christie’s für 62150 Pfund erwerben. Die teuerste Dalí-Skulptur in einer Auktion, eine 3,88 Meter hohe Version der „Gala à Newton“, kostete 2000 knapp 800000 Dollar – die meisten Skulpturen aus den „Originalauflagen“ (unter acht Exemplare) sind heute zwischen 150000 und 300000 Euro zu haben – bei eher stagnierenden Preisniveau. Was den Markt belastet, sind die Riesenauflagen: 350 Exemplare von kleinen bis mittleren Größen, die Kunstunternehmer wie Beniamino Levi und seine „Stratton Foundation“ vertreiben. Auktionshäuser in London und New York versteigern diese Stücke zusammen mit Picassos Madoura-Keramik – Auflagenkunst, die ähnlich hart an der Grenze zwischen Kunst und Künstlersouvenir angesiedelt ist. Sie kosten je nach Größe zwischen 4000 und 10000 Euro, viel weniger, als Patroni im „Dalí Universe“ verlangt.

Bleibt der Markt für Originalkunst – Handzeichnungen und Gemälde. Erstere gibt es aus allen Epochen. Dalí war ein fruchtbarer Zeichner und der Toppreis liegt bei 450000 Dollar für eine Tuschzeichnung von 1937 – „Figure aux tiroirs“. Doch begehrt ist Dalí vor allem als Maler. Sotheby’s erzielte den Spitzenpreis im Dezember 2000 mit einer Rückansicht Galas – „Ma femme nue regardant son propre corps“. Aber mit 2,86 Millionen Pfund lag das Gemälde unter Taxe, obwohl seit einem Jahrzehnt kein so wichtiger Dalí auf dem Markt war. „Da ist durchaus noch Luft nach oben“, kommentiert Sotheby’s Experte Emmanuel Di-Donna und vergleicht die Preise mit Magritte und Delvaux, die deutlich höher sind – auch weil es der Markt besser mit Material versorgt ist.

„Die Skandale haben Dalís Genie verwässert, aber seinem Ruf als Maler nicht geschadet“, sagt Olivier Camus, der bei Christie’s die surrealistische Malerei betreut. Christie’s erzielte vor zwei Jahren einen fantastischen Preis: Das nur 31 mal 35 Zentimeter große Öltäfelchen „Apparition de la ville de Delft“ brachte die dreifache Taxe von 1350000 Pfund – nach Quadratzentimetern der Rekord. Es hat alles, was ein Dali haben soll: Altmeisterliche Technik, eine magische Bildwelt und das richtige Datum: 1935/36. Doch solche Bilder sind selten auf dem Markt. Denn als Meistermaler war Dalí nicht ganz so produktiv wie in seiner Selbstvermarktung.

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