Kultur : Eine Göttliche

Here’s to you, Mrs. Robinson: zum Tod der Schauspielerin Anne Bancroft

Peter W. Jansen

Sie hatte schon mindestens zwei Dutzend Filme gemacht – und auch schon einen Oscar gewonnen –, als sie endlich richtig berühmt wurde: als 36-Jährige. Als Mrs. Robinson durfte sie durchaus auch ein wenig älter und gesetzter sein, die Mutter einer Tochter im heiratsfähigen Alter. Doch als diese 18-jährige Elaine das erotische Interesse des jungen, knabenhaften Benjamin Braddock erregt, wird die Mama und künftige Schwiegermama zur Hetäre. Denn schließlich ist sie es gewesen, zwanzig Jahre hin, zwanzig Jahre her, die den Benjamin mit Fleiß ver- und in die Liebe eingeführt hatte. Der Film von Mike Nichols, der 1967 das puritanische Amerika für die sexuelle Revolution lendenlahm schoss, hieß „Die Reifeprüfung“. Genau das Richtige für den damals noch recht unbekannten Dustin Hoffman, dessen Karriere hier ihren Anfang nahm.

Die Karriere der Anna Maria Louisa Italiano, am 17. September 1931 im New Yorker Stadtteil Bronx geboren, war auch nicht im Entferntesten so glatt verlaufen. Sie hatte schon mit 16 an der American Academy of Dramatic Arts studiert und fürs Radio und Fernsehen gespielt und mit 21 einen Vertrag bei der Centfox bekommen, aber ihre Rollen als exotische Erscheinung in einem guten Dutzend B-Pictures waren alles andere als befriedigend. So kehrte sie nach fünf Jahren Hollywood den schönen Rücken und feierte am Broadway nahezu sensationelle Erfolge. In „Two for the Seasaw“ (Spiel zu zweit) war sie die Partnerin von Henry Fonda und spielte dann in „The Miracle Worker“ (Licht im Dunkel) die Annie Sullivan, die Erzieherin der blind geborenen Helen Keller. Sechs Jahre vor der „Reifeprüfung“ unter Arthur Penn verfilmt, war „The Miracle Worker“ die triumphale Rückkehr der Anne Bancroft nach Hollywood. Der Oscar war geradezu unvermeidlich und Anne Bancroft als Charakterdarstellerin etabliert, eine andere Katharine Hepburn sozusagen, eine Generation weiter.

Schlank, ja eher sogar zierlich und zart von Gestalt, dunkelhaarig und leicht südländisch pigmentiert, war sie eine der Hollywood-Schauspielerinnen, denen ihre Schönheit durchaus im Weg stehen kann, wenn sie mehr sein wollen und auch zu mehr talentiert sind als zu Männerfutter. So zeichneten sich denn auch ihre Rollen durch ungewöhnliche Differenziertheit aus. In „Stimme am Telefon“ überzeugt sie als Verzweifelte kurz vor dem Selbstmord nicht weniger denn als Anna Magnani in „Die menschliche Stimme“, als alternde Ballerina in „Am Wendepunkt“ ebenso wie als Oberin eines Frauenklosters in „Agnes of God“ (Agnes – Engel im Feuer) oder als Mrs. Kendal in David Lynchs „Elefantenmenschen“. Oder in „Die Göttliche“ als die todkranke Estelle Rolle, deren letzter Wunsch es ist, Greta Garbo persönlich kennen zu lernen. Man muss nicht unbedingt meinen, dass auch die Schauspielerin Bancroft der Schauspielerin Garbo nachgeeifert hätte, aber „Garbo Talks“ ist wahrscheinlich ihr persönlichster, ihr intimster Film gewesen.

Unter den Schönen Hollywoods war sie eine Intellektuelle – und sie war intelligent genug, nicht als solche zu erscheinen. Mit dem Schauspieler-Regisseur Mel Brooks verheiratet, konnte sie das in den Filmen ihres Ehemanns unterspielen. Nicht nur, wenn sie in Mel Brooks „Silent Movie“ kein einziges Wort zu sprechen hatte. Anne Bancroft ist am Dienstagabend an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.

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