Kultur : Eine große Machtmusik

Reinhard Kager

Da stehen sie, die beiden Rivalinnen, auf dem kahlen Hügel vor Fotheringhay. Ferngerückt, vor tiefschwarzem Himmel. Oben die Mächtige, Elisabeth, unten die vergebens um ihr Leben kämpfende Maria. Ein Showdown in einer leeren, strohbedeckten Landschaft, dessen Ausgang vorhersehbar und allein an den Körperhaltungen ablesbar ist. Da nutzt es wenig, wenn sich die ehrgeizige Maria in einem Anfall wütender Hysterie zu einer Beschimpfungsorgie hinreißen lässt. Wer an den Hebeln der Macht sitzt, muss diese nur umlegen lassen, und schon ist der Gegner erledigt.

Doch das Spiel ist keinesfalls so leicht, wie es scheint. Vor allem dann nicht, wenn der Rivale mit aller nur erdenklichen List und Tücke die Klaviatur der Macht zu blockieren sucht. Das gelingt dieser Maria Stuart nicht zuletzt dank der weiblichsten ihrer Waffen: ihrer Schönheit, der nicht nur der heißspornige Mortimer, sondern auch der wendehalsige Graf von Leicester erliegt, der, eigentlich die rechte Hand Elisabeths, den klar scheinenden Ausgang des Machtspiels noch einmal ins Wanken bringen will und gemeinsam mit Mortimer zum dramaturgischen Drahtzieher in Schillers Trauerspiel wird.

Dass die historische Maria Stuart, die Mörder gedungen hatte, um ihren ungeliebten Mann, Darnley Stuart, beseitigen zu lassen, kein Unschuldsengel war, ist weit weniger bekannt, als der sich geistig läuternde Freiheitsengel, den Schiller aus der schottischen Königin machte. Dieses Bild wird nun am Wiener Burgtheater so gründlich zurechtgerückt, dass jeder Versuch einer banalen Schwarz-Weiß-Malerei, einer glatten Zuordnung von Gut und Böse misslingen muss: Andrea Breth holt Schillers stilisierte Lichtgestalt ziemlich brutal vom Sockel und leuchtet tief in die Abgründe Maria Stuarts hinein, die im innersten eine überraschende Gemeinsamkeit mit ihrer Rivalin Elisabeth erkennen lässt: den Willen zur Macht.

Es ist die Stunde der Corinna Kirchhoff, die vielschichtigen Facetten Marias durch präzise Körperbewegungen und vor allem: durch die Sprache zu vermitteln. Nach all den Stückzertrümmerungen der letzten Jahre konzentrieren sich Breth und ihre Darsteller wieder auf die innere Kraft des Texts, um dennoch unversehens Neues in ihm zu entdecken. Wie etwa diese merkwürdige Mischung aus blond-unschuldiger Fassade, erotischem Selbstbewusstsein, eitler Machtgier und vor allem: selbstmitleidiger Hysterie, mit der Kirchhoff diese Maria spielt. Oder die nicht minder bizarre Mixtur aus nüchterner Staatsraison, Sexgier und bleierner Handlungsunfähigkeit, mit der Elisabeth Orth ihre nicht minder konzentrierte Elisabeth anlegt. Immer wieder neue Aspekte dieser beiden vielschichtigen Persönlichkeiten hervorzukehren, so dass sie einem entgleiten wie beim Griff nach dem Regenbogen, ist die große Stärke dieses mit enormer Genauigkeit erarbeiteten Abends.

Als symbolträchtigen Rahmen für Breths Seelenerforschung stellt Annette Murschetz ein dunkel-monströses Herrschaftsgebäude auf die Bühne, dessen mächtige Träger nicht nur blitzschnelle gedreht werden können, sondern auch verdächtig an das überdimensionale Kanzleramt in Berlin erinnern. Bezeichnend, dass der kühl kalkulierende Pragmatiker Burleigh (Gerd Böckmann) zu einer dicken Zigarre greift, als das Todesurteil unterzeichnet werden soll. Irritierender noch ist der Erdstreifen, der das düstere Gebäude durchwächst und sich bis an den Rand des Zuschauerraums zieht. Dort lässt Ritter Paulet (Johannes Terne) am Beginn die letzten Geheimnisse aus einem alten Kleiderschrank hämmern, der wie ein Mahnmal fast die ganze Aufführung über liegen bleibt. In spannungsvollem Kontrast zu dieser devastierten Bühne, die sich nur ein einziges Mal, während der Begegnung der beiden Königinnen öffnet, stehen die detailgenauen historischen Kostüme, mit denen Susanne Raschig einen Hauch von Schaub¸hnenglanz in das düstere Ambiente bringt. Dort passiert nicht viel: In Reih und Glied sitzen die steifen Peers - Martin Schwab als gütig-beschwichtigender Shrewsbury, Michael König als alerter Leicester oder Roland Koch als Todesvollstrecker Davison. Äußere Bewegung bringt einzig der schlaksige Mortimer ins Spiel, dessen jugendlich-ungest¸mes Liebeswerben Nicholas Ofczarek überzeugend verkörpert. Doch die Spannung am britischen Hof vermittelt sich eigentlich aus dem Inneren heraus. So bemitleidenswert einsam wie diese im prunkvoll-orangen Kostüm nur um so steifer wirkende Elisabeth, ist eine Herrscherin wohl selten zu sehen. Auch ihre Kontrahentin hält sich in der katholisch-entrückten, um einige moralisierende Passagen mit der Amme Kennedy (Gertraud Jesserer) gekürzten Todesszene des Finales im Zaum. Eine grandios zurückhaltende - und gerade darum um so bezwingendere Deutung.

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