Kultur : Eine gut gemeinte Liste für die Menschheit

THOMAS VESER

Die Frage, wie Kulturgüter im Krieg vor der Zerstörung bewahrt werden können, beschäftigt die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Erziehung und Wissenschaft (Unesco) seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Erste Verträge zum Kulturgüterschutz auch in Friedenszeiten konnten allerdings erst in den siebziger Jahren ausgehandelt werden. Das wichtigste Übereinkommen ist die 1972 verabschiedete Welterbekonvention. Sie verpflichtet die Unterzeichnerstaaten, auf ihrem Territorium kulturelle Meisterwerke mit "außergewöhnlichem und universellem Wert" zu benennen und zur Aufnahme in eine gemeinsame Welterbeliste vorzuschlagen. Ob sie den Zuschlag erhalten, beschließt einmal jährlich das Pariser Welterbekomitee, dessen 21 Angehörige idealerweise alle Kontinente und Kulturkreise vertreten.Mit dreißig Welterbestätten, deren Aufnahme die Unesco unlängst beschloß, ist die Gesamtzahl auf 582 Eintragungen in 114 Ländern angestiegen. Die Denkmalschützer Belgiens, das der Welterbekonvention erst vor zwei Jahren beitrat, durften bei der ersten Runde gleich drei Erfolge verbuchen. Außer der Grande Place in Brüssel nahm das Welterbekomitee Flanderns mittelalterliche Beginenhöfe sowie die Schiffshebewerke des "Canal du Centre" aus dem vorigen Jahrhundert auf. Den Niederlanden wurde eine besondere Ehre zuteil: Das Komitee nominierte die friesische D. F. Wouda-Dampfpumpanlage. Als größte Pumpstation der Welt 1920 in Betrieb genommen, versieht sie bis heute "zum Schutz der Menschen und ihres Landes gegen die natürlichen Kräfte des Wassers" verläßlich ihren Dienst. Mit dem Beschluß, die niederösterreichische Kulturlandschaft des Semmering mit der technischen Leistung der Semmeringbahn hinzuzunehmen, erscheint erstmals ein großes Verkehrsbauwerk aus der Zeit der Industriellen Revolution auf der Welterbeliste.Behauptete Italien mit durchschnittlich zehn Neuernennungen jährlich den Spitzenplatz, erhielten diesmal nur drei Stätten - Aquileja, Urbino sowie die Kulturlandschaft Cilento mit dem Nationalpark des Vallo di Diano - den Zuschlag. Italien bleibt mit einem leichten Vorsprung vor Spanien Listenführer. Während die Zahl der deutschen Welterbestätten durch die Hinzunahme des "Klassischen Weimar" zwanzig erreicht, ergänzt die Lyoner Altstadt, deren Abriß noch während der sechziger Jahre ernsthaft erwogen worden war, die französische Liste; ferner akzeptierte der Ausschuß den Vorschlag, kunsthistorisch bedeutende Baudenkmäler entlang der französischen Zugangswege zum spanischen Pilgerweg von Santiago de Compostela hinzuzunehmen. Dadurch wird die bisher ausschließlich spanische Nominierung zu Europas einziger grenzüberschreitender Strecke.Wie ein Blick auf die Liste beweist, hat sich am traditionellen Übergewicht Europas allerdings nichts verändert: Von neuen 27 Kulturerbestätten liegen 18 in europäischen Staaten. Und auch das krasse Mißverhältnis zwischen Natur und Kultur bleibt erhalten: Nur 117 Einträge beziehen sich weltweit auf die Natur. Lediglich drei Naturerbestätten befinden sich in Neuseeland, Sibirien und auf den Salomon-Inseln im Pazifischen Ozean. Etliche Naturerbestätten, die in verarmten oder von Bürgerkriegen erschütterten Ländern der Dritten Welt liegen, hat die Unesco auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes gesetzt; dennoch hat sich ihr Zustand seither meist noch verschlimmert.Daß die Liste so nicht mehr weitergeführt werden kann, hat das Welterbekomitee bereits mehrfach angemahnt. Immer mehr eigene Baudenkmäler auf die Liste zu befördern, ist für eine wachsende Zahl von Staaten offenbar zur Prestigefrage geworden. Das hatte in den vergangenen Jahren zu einem inflationären Wachstum geführt. Die Unesco möchte dieses Tempo durch strengere Maßstäbe drosseln. Genügte früher das reichlich unpräzise Kriterium der "Einzigartigkeit", müssen künftige Welterbestätte jetzt höheren Ansprüchen genügen. Außerdem will die Weltorganisation mehr Naturstätten und Leistungen unseres Jahrhunderts auf der gemeinsame Liste sehen.In Deutschland ist der Appell zur Mäßigung allerdings ungehört verklungen. Die Kultusministerkonferenz hatte 1998 in allen Bundesländern Vorschläge gesammelt und eine vorläufige Liste erstellt. Ein Viertel der 21 vorgeschlagenen Stätten liegt in Ostdeutschland. Mit ihrer vorläufigen Nominierungsliste, die dem Welterbekomitee vorgelegt wird, hatten die Kultusminister nicht nur in Fachkreisen Erheiterung ausgelöst. Lassen sich die unzerstörten Altstädte von Regensburg und Heidelberg durchaus begründen, kann man über die Dresdner Elbfront, stillgelegte Zechen im Ruhrgebiet und Berliner Siedlungen der zwanziger Jahre geteilter Meinung sein. Als ausgefallenster Vorschlag dürfte die Nominierung der gesamten Elblandschaft von der Quelle bis zur Mündung eingestuft werden. Warum jedoch ausgerechnet Bayreuths Markgräfliches Opernhaus, das Chile-Haus in Hamburg und Schwetzingens Schloß mit Garten von universaler Bedeutung für die Menschheit sein sollen, läßt sich beim besten Willen nicht begründen. Als Einzelbauwerke mögen diese Monumente architekturhistorisch bedeutsam sein, sie jedoch deswegen zu nominieren, würde einer weiteren Entwertung der Welterbeliste nur Vorschub leisten. "Die deutsche Seite muß damit rechnen, daß das Welterbekomitee bei der Auswahl strengere Maßstäbe anlegen wird", warnt Roland Bernecker von der Bonner Unesco-Vertretung.Über die unerwünschten Entwicklungen beunruhigt, hatte die Unesco vor fünf Jahren den neuen Typus der "Kulturlandschaft" eingeführt. Er sollte der Einzigartigkeit einer natürlichen Landschaft in Wechselwirkung mit menschlicher Siedlungstätigkeit Rechnung tragen und damit auch außereuropäischen Ländern ohne Kirchen, Klöster und Burgen Chancen bieten. Aber selbst in dieser Kategorie mit ihrem anthropologisch geprägten Ansatz behält Europa mit Stätten unter anderem in Italien, Spanien, Frankreich und Portugal die Oberhand. Nachdem sich die Unesco von ihrem klassischen Kulturbegriff mit der Fixierung auf dauerhaftere Baudenkmäler aus Stein verabschiedet hatte, konnten zwar auch afrikanische Lehmbauten und russische Holzkirchen aufgenommen werden. Dennoch bleibt die Liste chronisch unausgewogen. Für den Laien kaum nachvollziehbar, verzeichnete die Weltorganisation vor allem anfangs planmäßig Altstädte, Schlösser und Kathedralen - aus Mittelalter, Renaissance und Barock. Sie trug damit selbst zur Verzerrung bei. Während diese Kulturgütertypen das Bild beherrschen, vermochte sich die Unesco bisher offenbar kaum dazu durchringen, Leistungen unseres Jahrhunderts zu würdigen. Lediglich die brasilianische Hauptstadt Brasilía und die Zeugnisse des Bauhauses in Dessau und Weimar sind auf der Liste verzeichnet.Manchmal führt eine Nominierung dazu, daß die Stätten besser geschützt werden. Während Ägypten auf gigantische Straßenbauprojekte nahe der Pyramiden verzichtete, ließ sich die Verwaltung der Stadt Venedig zumindest die Kandidatur für die Expo 2000 ausreden. Nicht immer garantiert die Erhebung zum Weltkulturerbe, daß gefährdete Stätten vor dem Niedergang bewahrt werden. Das pakistanische Thatta mit seinen Moscheen und Mausoleen ist wie die historische Moscheenstadt von Bagerhat (Bangladesh) weiterhin ungebremst dem Zerfall preisgegeben. Im pakistanischen Ruinenort Moenjodaro, dessen Baudenkmäler den hohen Stand der alten Harappa-Kultur symbolisieren, hatte die Unesco, die nur in Notfällen mit kleineren Beiträgen einspringen kann, Wasserabpumpanlagen finanziert, um die Arbeit der Archäologen zu erleichtern. Daß gut gemeint oftmals das Gegenteil von gut ist, zeigte sich kurze Zeit später: Der folgenschwere Eingriff in den natürlichen Wasserhaushalt ließ ganze Hügel mit Bauwerken einsinken.

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