Kultur : "Eine Hand voll Gras": Kendal lebt hier nicht mehr

Simone Mahrenholz

Dieser für ein deutsches Werk weit überdurchschnittliche Spielfilm hat alles, was ein Kino-Erfolg braucht: eine spannende Geschichte mit politischem Anspruch, Aktualität, attraktive Spiel-Orte und Figuren und einen Plot mit Neuigkeitswert. Fragt sich nur, ob dieser Film nicht mehr Schaden anrichtet, als er - aufklärerisch - nützt.

Drehbuchautor Uwe Timm wurde durch mehrere Artikel über den Tod eines kurdischen Jungen zu seiner fiktiven Geschichte inspiriert - darunter eine "Spiegel"-Reportage über kurdische Kinder, die ins Land gebracht werden, um wegen ihrer Strafunmündigkeit als Drogendealer zu arbeiten ("Spiegel" 49/1995). Regisseur Roland Suso Richter ("Die Bubi Scholz Story") erzählt sie routiniert aus der Perspektive des zehnjährigen Kendal. Um für die Hochzeit seiner Schwester in Kurdistan das nötige Geld zu verdienen, wird er vom Vater mit dem Onkel nach Hamburg geschickt.

Aus dem kargen Bergdorf und der vielköpfigen Familie verschlägt es ihn eines regnerischen Hamburger Morgens ins Taxi. Der Onkel lässt kurz anhalten, um in einem Restaurant etwas abzugeben, und wird verhaftet. So bleibt Kendal ohne ein Wort Deutsch allein, und der ahnungslose junge Taxifahrer Hellkamp (Oliver Korittke) hat ein Problem. Dieses Problem lädt er an der nächsten Straßenecke aus - wo es ihn später wieder einholt. So ähnlich ging es in Andreas Dresens "Nachtgestalten" zu, wo Michael Gwisdek plötzlich ein fremdes Kind im Auto hat. Und siehe da, Gwisdek taucht auch hier wieder auf. Zunächst jedoch werden wir Zeuge des Kulturschocks, in den die westliche Welt ein Kind aus einem Bergdorf stürzt.

Kendal, der bald mit dem Taxifahrer Freundschaft schließt, landet zwischen zwei Fronten: den Landsleuten, für die er arbeitet, und den deutschen Freunden, denen er letztlich stärker vertrauen kann. In einem aufreibenden Überlebenskampf zwischen Kinderheim, Drogenumschlagplatz und kurzen Entspannungsmomenten mit Hellkamp treibt das Geschehen auf eine gewaltsame Eskalation zu. "Wasser ist dicker als Blut", lernt man gerührt, und das Ende, das in bestechenden Bildern wieder "ins wilde Kurdistan" führt, bleibt im Unterschied zur authentischen Vorlage offen.

Das Problem dieses Films, der mit dem jungen Berliner Arman Inci in der Hauptrolle glänzend besetzt ist, liegt darin, dass er alle Vorurteile, die man Ausländern und speziell Kurden gegenüber unterhalten kann, eloquent bestätigt. Kendals Leute sind ausnahmslos gewissenlose Kinderhändler, die auch den Tod ihres kleinen Landsmanns herbeiführen, wenn es um ihre eigene Ehre oder gar Haut geht. Wir studieren die antiquierten Werte der Blutrache und können uns mit der Figur des selbstlosen Hellkamp an unserer westlichen Kultur laben.

"Ist doch aber alles wahr", werden die Macher einwenden. Die Bruchlosigkeit, mit der sie die Kurden in Deutschland als kriminell zeichnen, bereitet jedoch gerade in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation Kopfschmerzen. Worin hätte die Lösung dieses Films gelegen, der ein aufgeklärtes Publikum voraussetzt? Vielleicht in mehr Differenziertheit auch der kurdischen Seite gegenüber. Aber Action ist inhaltlich nie differenziert, und der Film kann sich zwischen Aufklärung und dramaturgischer Spannungsmaximierung nicht entscheiden.

Kant, Moviemento, Rollberg, Tonino, Village Cinema Kulturbrauerei

0 Kommentare

Neuester Kommentar