Kultur : Eine hodenlose Gemeinheit

FRANK NOACK

Die Abgußsammlung antiker Plastik strahlt gedämpfte Feierlichkeit aus.Eine Welt aus erhabenem Weiß: weiße Gipsfiguren vor weißen Wänden, umflutet von weißem Licht, das durch große Fenster fällt.Heute aber geht es hier hektisch zu.Scheinwerfer surren, Kommandos hallen.Rosa von Praunheim - Deutschlands bekanntester Regiedilettant, Schwulen-Aktivist und Prominenten-Outer - hat sich für seinen neuen Film einen passenden Drehort gesucht.Bislang hat er seine Kamera am liebsten in kitschig eingerichteten Privatwohnungen aufgestellt.Jetzt dreht er in dem kühlen Saal gleich neben dem Ägyptischen Museum, gegenüber vom Schloß Charlottenburg.Die Darsteller tragen feine Anzüge und bewegen sich in tadelloser Haltung vorbei an griechischen und römischen Skulpturen.Zur Besetzung gehören Vollprofis wie Ben Becker und Wolfgang Völz, die man im Umkreis dieses Regisseurs nie vermuten würde.Aber "Der Einstein des Sex" - so der Arbeitstitel - soll ja auch kein üblicher, kein verspielt-alberner Praunheim-Film werden.

Der Einstein des Sex: das ist Dr.Magnus Hirschfeld.Er begründete nicht nur die moderne Sexualwissenschaft, sondern hob auch die erste politische Schwulengruppe der Welt aus der Taufe.Das "Wissenschaftlich-humanitäre Komitee" tagte seit 1897 ausgerechnet im Hotel Prinz-Albrecht, wo später dann die Gestapo residierte.Hirschfeld führte in der Otto-Suhr-Allee eine Arztpraxis, er leistete Eheberatung und richtete eine Notkasse für Prostituierte ein, doch sein Hauptziel war der Kampf gegen den Paragraphen 175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte.Ein wichtiges Thema also, ein Gegengift zum Frohsinn der deutschen Beziehungskomödien, in denen Schwule nur noch als lustige Yuppies vorkommen.Und ein Sujet, dem durchaus Marktchancen zugetraut werden: Der vormalige Undergrundfilmer Praunheim bekam ein Budget von 1,8 Millionen Mark zusammen, Studio Babelsberg hilft mit Kostümen und Dekorationen aus.

Kurz vor der Jahrhundertwende hatten der Prozeß gegen Oscar Wilde und das Buch "Psychopathia Sexualis" von Richard von Krafft-Ebing den Ausschlag für Hirschfelds eigene Forschungen gegeben.Hirschfeld war ein nüchterner Wissenschaftler, er präsentierte der Öffentlichkeit biologische Fakten.Lange vor Kinsey führte er Umfragen zum Sexualverhalten durch.Und er wies nach, daß der Paragraph 175 in erster Linie dem Erpresser nutzte - und brachte die Polizei dazu, härter gegen Erpresser vorzugehen.

Es zeugt von Hirschfelds Weltruf, daß Schriftsteller wie Thomas Mann und Alfred Döblin ihn unterstützten, daß der sowjetische Meisterregisseur Sergej Eisenstein sein "Institut für Sexualwissenschaft" in Tiergarten besuchte, daß Conrad Veidt ihn nach Hollywood einlud, daß selbst der japanische Kaiser ihn empfing.Ungewollt wurde Hirschfeld zur politischen Figur.SPD und KPD schlugen sich auf seine Seite, im Reichstag wurden Anträge zur Abschaffung des Paragraphen 175 verhandelt.Rechte und nationalistische Kreisen antworteten mit wütenden Attacken, aber auch die prominenten Vertreter der Psychoanalyse rückten von Hirschfeld ab.Sigmund Freud beschimpfte ihn als "unappetitlichen Kerl", Wilhelm Reich ließ schwule Patienten erst gar nicht in seine Praxis.Als Jude und Homosexueller doppelt gefährdet, ging Hirschfeld schon 1930 ins Exil.1935 starb er in Nizza, geschwächt von Diabetes und Malaria.

Heute ist Hirschfeld weitgehend vergessen - selbst in Berlin.Dort, wo sein "Institut für Sexualwissenschaften" stand, wächst jetzt Gras.Seine Schriften verstauben in den Bibliotheken.Ein Zustand, den Rosa von Praunheim dringend ändern möchte.Seit zehn Jahren schon arbeitet er an dem Projekt, vor einem Monat haben nun endlich die Dreharbeiten begonnen.Jetzt ist gerade eine Szene an der Reihe, in der es um die Konfrontation Hirschfelds mit Adolf Brand im Jahr 1897 geht.Ein zeitloser Konflikt: der feminine linkeÕgegen den maskulinen rechten Schwulen.Adolf Brand, Herausgeber der ersten Homosexuellen-Zeitschrift "Der Eigene", haßte Hirschfeld, so wie er auch Juden und Frauen haßte.Gespielt wird er vom "Comedian Harmonists"-Star Ben Becker, und der hat keine Probleme damit, einen Unsympathen zu geben."Das ist Kult, das muß man machen", sagt er grinsend.Der ganze Becker-Clan spielt mit: Schwester Meret als schwangere Arbeiterin, eine echte Zille-Type; Mutter Monika Hansen als Gräfin; Stiefvater Otto Sander als Professor, der versucht, Schwule durch Einpflanzen heterosexueller Hoden zu heilen."Eine hodenlose Gemeinheit", ruft Wolfgang Völz dazwischen, der einen Polizeipräsidenten mimt.

Den jungen Hirschfeld verkörpert der 22jährige Kai Schumann von der Berliner "Ernst Busch"-Schauspielschule .Praunheim hat den schwarzgelockten Darsteller in einer "Minna von Barnhelm"-Aufführung gesehen und war sofort gebannt von dessen ebenso kämpferischem wie sensiblem Blick.Bei den Recherchen für die Rolle ist Kai Schumann an Hirschfeld aufgefallen, "wie sehr sein Privatleben baden geht.Er hat sich selbst nichts erlauben können".So etwas ist schauspielerisch interessanter als ein makelloser Held.Schumanns leises Spiel kontrastiert auffallend mit dem extrovertierten von Becker, der schon beim Textstudium über die pathetischen Ausdrücke des sentimental-brutalen Möchtegern-Machos Adolf Brand lachen mußte: "Ich glaube, ich darf mir das gar nicht ansehen, was ich da heute gemacht habe".Praunheim ist mit seinen Darstellern sichtlich zufrieden.Er läßt das Gespräch zwischen Hirschfeld und Brand zwar ein paar mal wiederholen, doch er beanstandet nichts.Die Stimmung am Set ist locker, und das Team geht gutgelaunt in die Pause.

Praunheim geht gelassen damit um, daß er in seinem neuen Film von lauter Heterosexuellen umgeben ist: "Heute machen nur noch Heteros Schwulenfilme".Keine Illusionen macht er sich allerdings über den derzeitigen Zustand der Sexualwissenschaften:"Wir werden doch nur noch von Fernsehsendern wie Pro 7 aufgeklärt".Der Wissensstand von jungen Leuten sei "primitiv und konservativ".Das möchte er ändern.Im Frühjahr 1999 soll "Der Einstein des Sex" fertig sein, wohl allerdings noch nicht zur Berlinale.Und der Macher glaubt fest an den Erfolg des Hirschfeld-Films: "Ben Becker und Wolfgang Völz - die Namen werden uns helfen".Vielleicht hilft aber auch die Neugier auf einen Regisseur, der sich von einer völlig ungewohnten Seite zeigt.

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