Kultur : Eine Holländerin schildert das Leben brasilianischer Straßenkinder

Simone Leinkauf

Alex ist 13, als seine Mutter stirbt und der Stiefvater ihn aus dem Haus wirft. Kein Platz mehr. Einen Vater, bei dem er Unterschlupf finden könnte, hat er nicht. Der Junge schlägt sich nach Rio durch, um in der Großstadt einen Platz zum Leben zu finden. Brennend beneidet er seinen neuen Freund Robson, der von der attraktiven und reichen Vera adoptiert wird. Alex bleibt allein auf der Straße zurück. Abfinden kann er sich damit nicht - verzweifelt bemüht er sich, ein wenig Würde zu bewahren: wäscht sich regelmäßig, sogar seine Kleider am Fluss, um möglichst nicht als Straßenkind auffallen. Durch Handlangungen für Straßenhändler verdient er sich ein mageres Essen.

Am Fluss begegnet er der 19-jährigen lebensfrohen Duda, die sich einer Bande von Straßenkindern angeschlossen hat. Auch wenn Alex nie so richtig zu ihnen gehört, weil er sich weigert, Klebstoff zu schnüffeln, und auch seine "Diebeszüge" nicht allzu erfolgreich ausfallen, so geben die fünf Asphaltengel, wie sie sich nennen, ihm doch ein wenig Heimatgefühl. Mit "Asphaltengel sterben nicht" legt die niederländische Journalistin Ineke Holtwijk ein berührendes Buch über das Schicksal brasilianischer Straßenkinder vor. Der Geschichte ist anzumerken, dass sie viel Zeit mit Straßenkindern wie Alex verbracht hat, die sich zu Banden zusammenschließen, weil sie sonst kaum eine Chance zum Überleben haben.

Holtwijk berichtet von dem täglichen Kampf um Essen und einen Schlafplatz, von der Angst vor nächtlichen Übergriffen durch andere Banden oder auch vor korrupten Polizisten, die Straßenkinder in Brasilien manchmal abknallen wie tolle Hunde. Was dem deutschen Leser nur durch Magazin- und Zeitungsberichte über die katastrophalen Lebensumstände von Straßenkindern bekannt ist, gewinnt an Kontur. Jugendlichen Lesern mag zunächst der Abenteueraspekt des Buches gefallen, doch schnell wird deutlich, wie Angst und Gewalt das Leben auf der Straße dominieren. Alex gibt es - er hat die Zeit auf der Straße überlebt, anders als viele andere Straßenkinder in Rio de Janeiro. Das ist tröstlich, auch wenn man die vielen namenlosen "Asphaltengel" nach der Lektüre des Buches nicht so schnell vergessen kann.Ineke Holtwijk: Asphaltengel sterben nicht. aare Verlag 1999. 184 S. , 26,80 DM. Ab 12 J.

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