Kultur : Eine Hommage an den Schwarzen Kontinent

Sybill Mahlke

Viel Instrumentales Theater, "Sur scène", "Staatstheater", "Mare Nostrum", "Aus Deutschland", "Erschöpfung der Welt", "Varieté" - Mauricio Kagels Werk steht für gelebte Zeitgenossenschaft, für ein Reagieren auf die Gegenwart der Kultur und Politik. Sehnsucht schwingt darin, Ironie und Trauer, und immer wieder neu spricht die Musik kunstreich aus, dass die Beschwörung kein Ende haben will.

Ein "Schwarzes Madrigal für Chorstimmen und Instrumente" erlebt seine Uraufführung als Auftragswerk des Rundfunkchores Berlin, der das 75-jährige Bestehen in diesem Mai mit drei Konzerten zelebriert. Kagel widmet die Komposition Nicolás Guillén in memoriam, einer frühen Faszination durch den kubanischen Poeten in der Geburtsstadt Buenos Aires folgend. Lyrik in spanischer Sprache, die das Leben der Armen und Gedemütigten auf sich nimmt, wird zu "schwarzer Dichtung", weil sie sich der Zwittersprache der aus Afrika nach Kuba deportierten Leibeigenen assoziationsreich bedient. Zu seiner eigenen Textvorlage schreibt der Musiker: "Meine Fokussierung auf Namen des afrikanischen Kontinents reflektiert heute - ein halbes Jahrhundert später - den Ruf nach Kenntnisnahme fremder Sprachklänge ohne Furcht vor Schnitzern oder ungeschickten Betonungen." Auf keinen Fall werden Muster afrikanischer Musik nachgeahmt. Da das Kunststück auch "Nach Timbuktu! Wo?!" heißen könnte und die Besetzung neben Blechklang zwei Schlagwerker mit jeweils 10 unterschiedlichen Instrumenten wie Congas, Maracas und Kokosnusshälften einschließt, entsteht eine afrikanische Aura aus respektvoller Annäherung. Dazwischen das Trompetensolo (Christopher Dicken) der solitude. Die fabelhaften Schlagzeuger (Matthias Dölling und Thomas Ringleb) haben eine feine Kadenz. Schönheit der fremden Wörter, der klingenden Sprache, unsere Unsicherheit. Zugleich äußerst dicht - der Chor brilliert in Singen mit und ohne Vibrato, Sprechglissando, Summen, Sprechen der Sprache - und von raffinierter Scheinnaivität, scheut die Partitur weder das Adagio des betenden Flüsterns - beginnend "Umm Kaddada" - noch misterioso und dolcissimo, um ihre Frage "Wo?!" zum Schluss fortissimo im Raum schwingen zu lassen. Hommage an einen Kontinent der Schmerzen und des Stolzes, gewinnt die Musik unter Leitung des Komponisten das Publikum im Schauspielhaus.

Im Allgemeinen ist bekannt, dass Rundfunkleute den Maßstab für Musik nach Sekunden setzen. Das Metier fordert Timing. An diesem Abend beginnt sein wichtigster Programmpunkt, die Uraufführung, um 21 Uhr 30, nachdem ein heterogenes Allerlei vorübergeklungen ist, als ob der Chor seine Vielseitigkeit noch zu verteidigen hätte. Ähnlich scheint das Finale ausgesucht zu sein, das einem vernachlässigten Werk Gehör verschafft: "Die Schöpfung ist zur Ruh gegangen", Deutsche Motette von Richard Strauss für vier Solostimmen (Melanie Walz, Rosemarie Lang, Ralf Willershäuser und Siegfried Lorenz) und sechzehnstimmigen Chor a cappella nach Texten von Friedrich Rückert. C-Dur im Licht des Jahres 1913.

Die redaktionelle Sorgfalt des Programms verdient Respekt, ist aber wenig hilfreich, wenn die Festversammlung während der Darbietungen im Dunkeln sitzt. Zweisprachig ist das "Vater Unser" von Janácek abgedruckt, inständig fleht die Komposition um das tägliche Brot. Dem Chor gelingt es, eine Ahnung davon zu geben, bevor er zu dem Mystiker Heinrich Kaminski mit seiner Motette "Der Mensch" schreitet, einer Art von Altrhapsodie mit Rosemarie Lang. - Ein Festkonzert verlangt nach einer Festansprache. Ernst Elitz, Intendant des DeutschlandRadio, hält sie mit optimistischem Blick auf ein harmonisches Klangbild der Rundfunk-Orchester- und -Chöre GmbH.

Es wird berichtet, dass Mozart die Größe Bachs mit einem Mal beim Anhören der Motette "Singet dem Herrn" aufgegangen sei. Zum Jubiläumsglück des Rundfunkchores unter seinem differenzierenden Chefdirigenten Robin Gritton gehört die glänzend beredte Aufführung dieses Stückes, die sich, als musizierten die himmlischen Heerscharen selbst, vom "Reigen" über den Choral zum Höhenrausch des "Halleluja" steigert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben