Kultur : Eine Instanz unserer Demokratie

HERMANN RUDOLPH

Wenn jemand sehr alt wird, ist es fast unumgänglich, daß er zu einer einzigartigen Erscheinung wird. Aber Theodor Eschenburg, der, wie gestern bekannt wurde, am Sonnabend 94jährig in Tübingen gestorben ist, war das auch jenseits des Patriarchenalters, das er erreichte. Über ein halbes Jahrhundert hin war der Tübinger Politikwissenschaftler eine hoch ragende, weithin sichtbare Säule im politischen und intellektuellen Leben der Bundesrepublik. Er stand ein für jenen Teil von ihr, den man ruhig eine Errungenschaft nennen kann: die Bekehrung der Deutschen zur repräsentativen Demokratie und damit zu einem politischen Leben, das Regeln, Institutionen und dem Umgang mit ihnen einen hohen Rang einräumt. Er war etwas sehr Rares in einem Land, das über wenige intakte politische Überlieferungen verfügt und in seiner Geschichte - aber auch noch in der Gegenwart - eher dazu neigt, politische Rationalität gering zu achten: eine Instanz, von der Orientierung ausging, auf die Verlaß war.Doch diese Rolle eines verfassungspolitischen Gewissens verdankte sich nicht einem politischen Amt oder sonst einer öffentlichen Funktion. In solchen Stellungen befand sich Eschenburg nur in den ersten Nachkriegsjahren, in denen er in den Diensten des kleinen, von der französischen Besatzungsmacht begründeten Ländchens Württemberg-Hohenzollern der Neu-Organisation deutscher Staatlichkeit kräftig mit auf die Beine half. Seither war er eigentlich nichts anderes als ein Professor. Natürlich war er auch ein gesuchter Berater und hat in vielen wichtigen Gremien gesessen. Aber was ihn zur öffentlichen Gestalt machte, ging doch in erster Linie von der Unverdrossenheit aus, mit der von seinem Studierzimmer in Tübingen aus sein Wort zu den aktuellen Fragen des Gemeinwesens sagte - ohne Auftrag, ohne Bindung an eine Partei, gestützt allein auf Kompetenz, Unbestechlichkeit und Überzeugungskraft. Das hat seinen Niederschlag in vielen Aufsätzen, Reden und Büchern gefunden, aber es spricht für das Besondere an seiner Wirkung, daß er vielleicht mit nichts so nachhaltig Einfluß ausgeübt hat wie mit einer Kolumne, die er jahrzehntelang für die Wochenzeitung "Die Zeit" geschrieben hat. Die halbe Republik hat da von ihm gelernt, Woche für Woche,was es mit Politik auf sich hat.Dabei handelte es sich zumeist um Kommentare zu institutionellen Fragen, also eher trockenen Gegenständen. Gleichwohl war hinter seinen Beiträgen stets die außerordentliche Persönlichkeit zu spüren, die er war: ein Mann von eigenwilligem Charme, kräftigem Temperament und unvergeßlicher Unverwechselbarkeit. Er war von dem Schlag jener Gestalten, um die Anekdoten und Geschichten schwärmen wie Bienen um einen Bienenkorb. Er war vielen Generationen ein großer Lehrer, der Autorität mit der Fähigkeit zur Verlebendigung verband, aber auch weil Politik und Geschichte für ihn immer mehr waren als Lehrstoff, weil er mit ihnen gelebt hatte, weil sie ihm gegenwärtig waren wie wenigen. Insofern war er ein Exempel für den Nutzen der Geschichte für das Leben, der erlebten wie der erlesenen. Es paßte dazu, daß er auch als Erscheinung eindruckvoll war: hochgewachsen, mit kräftigen Zügen unter dem üppigen Haarschopf, dazu die unvermeidliche Pfeife - eines der Gesichter, ohne das man sich die Physiognomie dieser Republik nicht hat denken können.Zuletzt ist es noch gelungen, ihm seine Erinnerungen zu entreißen. "Also hören Sie mal zu" hießen diese Memoiren, und das traf glücklich den gelegentlich harschen Tonfall, mit dem er - selbst ein großer Geschichtenerzähler - aus seinem langen Leben erzählte. Es begann im kaiserlichen Deutschland, wo es am kaiserlichsten war, denn der Vater war Marine-Offizier, und es reichte mit dem Großvater, dem Bürgermeister der Hansestadt Lübeck, noch zurück in eine als Kindheitsszenerie erlebte Buddenbrook-Welt. Der gebürtige Kieler hatte noch die Kanonenschüsse gehört, mit denen die Matrosen der kaiserlichen Marine die Revolution von 1918 einleiteten, aber er hatte auch als junger, politisch zum Demokraten gewordener Mann Gustav Stresemann, dem großen Außenminister der Weimarer Republik, nahegestanden. Zu dieser Biographie gehörte das turbulente Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre und die Nischenexistenz als Geschäftsführer von Verbänden der Kleinindustrie im Dritten Reich.Eschenburg hat seine Erinnerungen nur bis zum Jahr 1933 führen können. Es fehlt die andere Hälfte seines Lebens, die in die Nachkriegszeit und Bundesrepublik fällt. Er hätte mit Genugtuung von sich sagen können, daß er zu jenen gehörte, die sie, zu ihrem Teil, mitgestaltet haben.

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