Kultur : Eine Italienerin in Ost-Berlin

Die Mauer war zu und der Süden weit. Deshalb flüchtete sie sich in eine Traumwelt und wurde zur Italienerin – im Geiste. Dann kam die Wende

Jana Simon

In meiner Kindheit bedeutete Europa für mich Italien. „La Strada" war der erste Film, bei dem ich weinen musste, ich verehrte die italienische Kochkunst, und einmal bekam ich eine Postkarte von der spanischen Treppe im Sonnenschein. Es war geschehen, ich hatte mich verliebt. Italien vereinte alle meine kindlichen Wünsche und Sehnsüchte: Spaghetti mit sehr viel Tomatensoße, Gelato in allen Geschmacksrichtungen, gut aussehende schwarzhaarige Jungs auf Mofas, Cabrios in schmalen Küstenstraßen – das süße Leben der Siesta, eine Mischung aus Müßiggang und vollendeter Schönheit. Ich malte die Umrisse Italiens an die Wand meines Zimmers, klebte Bilder daneben und markierte die wichtigsten Städte mit einem schwarzen Filzstiftpunkt. Ich lebte weit entfernt von diesen Orten, im Ostberlin der 80er Jahre, und träumte von einem Land, das ich nie gesehen hatte und wahrscheinlich auch nie sehen würde, genauso wenig wie den Rest Westeuropas.

In der Schule vertiefte ich mich in Fachdiskussionen mit meiner Freundin, sie hatte nur einen Fehler, sie bevorzugte Frankreich. Eines Tages, es war im Geografieunterricht, schaute sie mich von der Seite an und flüsterte mir ins Ohr: „Jana, die Italiener sind doch faul." Daraufhin redete ich ein paar Tage nicht mehr mit ihr. Sie hatte meinen Nationalstolz empfindlich verletzt, und ich sann auf Rache. Zu meiner großen Freude konnte ich kurz darauf triumphieren, Italien wurde 1982 Fußballweltmeister, und Frankreich landete abgeschlagen auf dem vierten Platz.

Flucht in eine andere Welt

Es war ein Leben im Absurden. Mit unserem Alltag stieß unsere Phantasiewelt nur selten zusammen, wir trennten da sehr genau, im Unterricht notierten wir die Überlegenheit des sozialistischen Systems, diese vollkommen durchdachten Fünfjahrpläne: Braunkohle, Kalisalze, Maschinenbau. Schade nur, dass es immer noch keinen Ketchup und keine Depeche-Mode-Platten gab. Wir bekamen Postkarten mit hässlichen sozialistischen Bauwerken auf der Vorderseite. Uns völlig unbekannte Mädchen und Jungen aus der Sowjetunion schrieben: „Lieber deutscher Freund! Ich gratuliere Dir zum Geburtstag der Thälmann-Pionierorganisation. Deine sowjetische Freundin." Ähnliche Sätze schrieb ich auf Karten mit dem Berliner Fernsehturm und schickte sie nach Moskau oder Wladiwostok. Alle wussten, wir würden uns nie sehen, uns nie kennen lernen. Wir waren froh darüber. Der Gedanke, sich zu treffen und über die Thälmann-Pionierorganisation sprechen zu müssen, konnte nur Panik erzeugen.

Unter der Bank führten meine Freundin und ich unser geheimes Westlerdasein, wir steckten uns Zettel zu, auf denen wir über Madonnas Frisuren diskutierten. Unsere Zukunft planten wir weit weg in Rom oder Paris und am liebsten mit Marcello Mastroianni. Vielleicht waren wir Ostler die ersten wirklichen Europäer, wir wechselten unsere Nationalitäten jeden Tag, schlüpften in sie hinein und streiften sie wieder ab, wie es uns gefiel. In Gedanken lebten wir schon damals in einem Europa ohne Grenzen.

Als ich in die dritte Klasse kam, beschloss ich mich in eine vollwertige Italienerin zu verwandeln. Dazu brauchte ich nun auch die Sprache. Meine Eltern gaben eine Zeitungsannonce auf, und eine Woche später erschien Herr Kurz in unserem Wohnzimmer. Mein erster Italienischlehrer trug graue Kunstfaserhosen, einen dunklen Bart, und seine Augen verschwanden hinter einer Brille, deren Gläser fast bis zum Kinn reichten, er musste sie in der Sowjetunion erworben haben. Ich hatte mir Herrn Kurz etwas südländischer vorgestellt. Nun gut, ich war bereit, für meine Italienisch-Werdung Mühen auf mich zu nehmen. Einmal in der Woche fuhr ich von da an zu Herrn Kurz, er wohnte weit weg von uns in einem Neubauhochhaus in Lichtenberg. Die Stunde verlief immer gleich, zu Beginn stellte Frau Kurz ein Glas Sanddornsaft vor mir auf den ockerfarbenen Couchtisch, dann zog ich mein Heft aus der Tasche und sagte neben der braunen Schrankwand Vokabeln auf.

In meinem West-Italienisch-Lehrbuch gingen die Menschen andauernd am Lido von Venedig spazieren, bestellten „un vino per favore" und unterhielten sich darüber, wo sie ihre Ferien verbrachten, das passte gut in meine Vorstellungen. Ich nahm meinen persönlichen Urlaub von Ostberlin, versenkte mich in die faszinierende Welt der Professores, Dottores, Ingenieres und vergaß darüber sogar, die klaustrophobisch niedrigen Zimmerdecken von Kurz’ Wohnung. Ich wiederholte Sätze wie: „Ah buon giorno dottore, anche mia moglie é qui", was so viel bedeutet wie: „Ah, guten Tag Doktor, meine Ehefrau ist auch hier." Für Zehnjährige eine unerlässliche Redewendung, Herr Kurz meinte es sehr ernst mit mir.

Nach den Stunden am Strand von Venedig kehrte ich nach Berlin-Johannisthal zurück, wo meine Eltern meinten, hier schmecke der Wein lieblich, das Gelato hieß Vanille, Schoko oder Frucht, und ich musste noch die Merkmale einer revolutionären Krise auswendig lernen. Italien gehörte wie ganz Westeuropa in ein Paralleluniversum, von dem ich zwar täglich im Radio hörte und es im Fernsehen betrachtete, aber von dem ich leider nicht wusste, wie es sich anfühlte. Allmählich verließ ich meine Heimat und wurde zu einem Zwischenwesen. Ich lebte als Untergrunditalienerin in Ostberlin und fühlte mich dabei irgendwie subversiv.

Es hatte auch viel damit zu tun, dass mir meine wirkliche Identität nicht besonders gut gefiel, wer gehörte schon gern zu einem Land, dessen Bands sich Kreisel oder Inka nannten, in dem sich Mitbürger um Action-Neonnagellack prügelten und in dem man beim Telefonieren immer auch die vermuteten staatlichen Zuhörer in der Leitung mitbegrüßte. Meine Identität war ein prachtvolles Mosaik, es bestand aus vielen bunten Einzelteilen, die untereinander in keiner Verbindung standen. Heute konnte ich Italienerin sein, morgen schon Engländerin. Ich wurde Meisterin der Inszenierung. Und der Selbstverleugnung.

Ein bisschen West in Budapest

Meine Freundin und ich fuhren in den späten 80ern im Sommer oft nach Budapest, das war unsere Hauptstadt des Westens im Osten. In Budapest gab es Coca-Cola, pinkfarbene Hosen, und im Kino lief „Flashdance". Eines abends im Juli 1987 beschlossen wir, uns eine Nacht lang als Engländerinnen auszugeben. Wir toupierten unsere Haare, tupften schwarzen Kajal unter die Augen und zogen los. Auf dem Weg zur Disko blieben wir immer wieder mitten auf der Straße stehen, riefen laut „wonderful" und fragten Passanten auf Englisch nach der Richtung, die wir genau kannten. Die Disko lag in der Mitte eines Parks, die Budapester tanzten unter freiem Himmel, wir setzten uns vornehm an den Rand und beobachteten. Bald näherten sich zwei Jungen, die fragten, woher wir kämen. Wir schrien: „London". Die beiden musterten uns mit Respekt, in ihren Augen hatten wir jetzt den höchsten Punkt der Glamourskala erreicht, bildeten wir uns zumindest ein. Leider konnten wir uns nun kaum unterhalten. Mir fiel immer nur der Satz: „Hello, I’m Mike and I am a boxer" aus dem Englischunterricht ein, meine Freundin murmelte leise „Big Ben, Big Ben" wie ein Mantra vor sich hin. Vielleicht hoffte sie, nach den Sehenswürdigkeiten Londons gefragt zu werden, die hatten wir in der Schule schon durchgenommen.Wir schwiegen uns an und ich plante meine Flucht, schließlich verabschiedete ich mich mit dem Satz: "I hol us paar drinks". Die beiden Jungs nickten nur wissend und grinsten.

Aber ich wollte es nicht sehen, nicht begreifen. Und so begab sich noch eine zweite Geschichte der mutwilligen Täuschung. Auf einem Zeltplatz am Balaton lernte ich Ende der 80er Jahre zwei holländische Mädchen kennen. Wir unterhielten uns eine Weile, und dann kam sie, die unvermeidbare Frage nach meiner Herkunft. „Aus West-Berlin", antwortete ich ungerührt. Obwohl der Lada meines Vaters mit Ost-Berliner Kennzeichen vor unserem Zelt parkte. Ich überlegte mir eine lange, verworrene Legende. Ich würde bei meiner Mutter leben (was stimmte), erzählte ich, und die sei nach West-Berlin ausgewandert (was nicht stimmte). Nur in den Sommerferien würde ich mit meinem ostdeutschen Vater den Urlaub verbringen. Ich neigte den Kopf zur Seite und blickte ernst, alles sei eben sehr kompliziert. Die beiden betrachteten mich etwas erstaunt, aber sie schienen mir zu glauben.

Diese Geschichte hatte den Vorteil, dass ich nicht perfekt Englisch sprechen musste, sondern in meiner Muttersprache reden konnte. Ich perfektionierte meine Methoden. Die Lüge raubte mir den Sommer und die Sorglosigkeit. Fortan lebte ich in ständiger Angst, meine wahre Identität würde aufgedeckt oder mein Vater mich durch Zufall verraten. Ich trug nur noch meine buntesten T-Shirts, las den ganzen Tag ein abgegriffenes Donald-Duck-Heft und überlegte, ob ich das VEB-Schild aus meinem Handtuch trennen sollte. Immerhin könnte mich eine der Holländerinnen in der Dusche mit einem Osthandtuch erwischen.

Ich war so mit meiner neuen Identität beschäftigt, dass ich allmählich vereinsamte. Ich wusste nicht genau, wem ich was erzählt hatte, also unterhielt ich mich lieber mit niemanden mehr. Meine eigene Legende hatte mich besiegt. Für einen kurzen Augenblick verschmolz ich mit meiner neuen Identität, ich konnte sie schmecken, die Süße des Westens, herausgehoben aus dem öden Ostalltag. Leider hielt dieses Gefühl nie lange an, nachher schmeckte es bitter nach Betrug, nach Verrat. Am Ende war ich froh, als wir abreisten und ich das Spiel aufgeben konnte.

Auch meine Italienisch-Werdung stagnierte, Herr Kurz meldete sich nicht mehr. Nachdem er mich eingehend über meine Familienverhältnisse ausgefragt hatte, verabschiedete er sich ins Nirgendwo. Ich hörte nie wieder von ihm, nur die drei Bände „Italienisch für sie" blieben in meinem Schrank zurück. Es war schade, ich hatte die unpolitischen Stunden am Lido von Venezia genossen in einer Umgebung, in der alles politisch gewertet wurde.

Schon als Kleinkind hatte ich mich mit Angola solidarisiert. Überhaupt waren wir in der DDR ständig mit irgendwelchen Ländern am Ende der Welt beschäftigt. Wir schickten Briefe nach Nicaragua, sammelten Kleider für Mosambik. Ich erinnere mich, wie ich einmal lange vor meinem Kinderzimmerschrank stand und grübelte, was ich einem hungernden Kind nach Afrika schicken sollte. Ich entschied mich für einen Schlumpf. Das war ein wirkliches Opfer. Immerhin kam der aus dem Westen und war in Afrika sicher genauso begehrt wie bei uns in Ostberlin.

Die Wendezeit war extrem in jeder Hinsicht. Dass ein ganzes System mitsamt seinen Repräsentanten und Produkten verschwinden kann, ist eine Erfahrung, die uns von Altersgenossen im Westen trennt. In Geschichte fingen wir noch mal bei den Urmenschen an, gelangten bis zum Ende der Schulzeit aber nur bis zum Mittelalter. Alle Autoritäten befanden sich in einem Zustand der Zersetzung, unser gefürchteter Staatsbürgerkundelehrer landete in der Psychiatrie, der ehemals einflussreiche Direktor verabschiedete sich in den vorzeitigen Ruhestand. Bücher türmten sich neben Mülltonnen, Bücher mit der Geschichte der Arbeiterklasse, die wir vorher zum Teil auswendig lernen mussten.

Irgendwann in dieser Zeit kam mir meine Eindeutigkeit abhanden. Vor dem Mauerfall betrachtete ich mich als Wunschwesteuropäerin, die aufgrund eines himmlischen Versehens im Osten weilte. Nach dem Systemwechsel würde ich endlich meiner natürlichen Umgebung zugeführt werden. Zu meinem großen Erstaunen erkannte im Westen niemand meine wahre Identität, sie betrachteten mich als echte Ostlerin, die ich in meinem Gedächtnis nie gewesen war. Alle nahmen an, ich könnte fließend Russisch, sei vertraut mit den Bänden von Karl Marx und den Lehren des dialektischen Materialismus, nur hatte all das mich nie interessiert.

Erster Besuch im Traumland

Nach den peinlichen Erfahrungen in Budapest hatte ich mich mehr auf die englische Sprache konzentriert und in den Weisheiten des Donald Duck fühlte ich mich auch sicher. Ich erfüllte die Erwartungen also in keiner Hinsicht. Gleichzeitig konnte ich aber auch nicht wirklich mitreden, mir waren Milky Way, Levis-Jeans und Madonna zwar gut bekannt, aber die feinen Unterschiede, die das Leben hier bestimmten, ließen mich ratlos zurück. Ich hatte keine Ahnung, wie dieser Staat aufgebaut war, theoretisch schon, aber nicht, was ihn im Innersten zusammenhielt. Ich schwebte losgelöst von Zeit und Raum im Niemandsland.

Als ich dann 1992 endlich das erste Mal nach Italien, ins Land meiner Sehnsucht reiste, war ich glücklich und enttäuscht zugleich. In Perugia war es heiß, der Cappuccino cremig, vereinzelt hielten auch ältere Herren Siesta, aber es hatte nur wenig mit mir zu tun. Ich teilte mir ein Zimmer mit einer Holländerin, es gab Engländer, Österreicher, Schweizer sogar Brasilianer – aus dem Osten nur mich. Manchmal hatte ich das Gefühl, als betrachte ich meine Mitbewohner aus weiter Ferne, wohlwollend, aber ihre Erlebnisse bei Anti-Atom-Protesten in Gorleben und beim Schüleraustausch in den USA ließen mich seltsam unberührt. Meine Geschichten von Wehrerziehungslehrer Major Mendel, Partys mit Cola-Wodka, der Entscheidung, ob ich in die FDJ eintreten sollte oder nicht und Lieder wie: „Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unsere Schützengräben aus" klangen aufregend, fast exotisch, aber sie trennten mich jetzt von den anderen. Plötzlich lasteten auf allen vergangenen Ereignissen eine ungeahnte Schwere und Ernsthaftigkeit. Für mich schien es keine Kategorie mehr zu geben, in die ich flüchten konnte. Also versuchte ich mich zurückzuverwandeln von der Wunschitalienerin in eine vollkommene Osteuropäerin, ich begann Russisch zu studieren und fuhr das erste Mal nach Moskau. Früher, in der DDR, hatte ich mich geweigert, dorthin zu fahren, für eine Italienerin im Ostexil gehörte sich das einfach nicht.

Der nachgeholte Osten

Im großen Osten wohnte ich bei Irina, einer arbeitslosen Französischlehrerin und ihrer Tochter Katja. Bis zum Schluss gelang es mir nicht, herauszufinden, wie die beiden ihre Tage verbrachten. Egal, ob ich kam oder ging, stets trugen sie geblümte Frotteebademäntel und föhnten sich die Haare. Katja war mit 23 Jahren gerade geschieden und schien unglücklich darüber zu sein, dass mir ihre Mutter das alte Kinderzimmer überlassen hatte und sie nun auf der Couch schlafen musste. Vielleicht musterte sie mich deshalb mit einer Art abgeklärter Herablassung oder ignorierte mich ganz. Deshalb war ich sehr überrascht, als sie mich eines morgens in der Küche fragte, wer bei der letzten Olympiade mehr Medaillen gewonnen hätte: Deutschland oder Russland. „Russland wahrscheinlich", antwortete ich. Sie steckte sich eine Zigarette an, ihre Hand sank mit einer Hab-ichs-doch-geahnt-Geste auf den Tisch, sie drehte sich um und verschwand ohne weitere Worte. Sie wollte dieser ahnungslosen Westlerin nur kurz zeigen, wo sie stand, die wusste wohl noch nichts über die ruhmreichen Siege der vergangen Sowjetmacht. Ich verstand Katja sehr gut, ich sah die Figuren aus den Überraschungseiern hinter Glas, den Coca-Cola-Aufkleber an ihrem Schrank. Es war, als blicke ich in einen Spiegel zurück in die Vergangenheit. Ich konnte die Enge, die Melancholie fühlen. Ich kannte ihre Träume, aber zwischen uns gab es kein Vertrauen mehr. Ich hatte die Seiten gewechselt, in ihren Augen war ich Westeuropäerin.

Immer wenn ich heute in den früheren Osten fahre, bin ich nun die Frau aus dem Westen. Vor kurzem besuchte ich für eine Reportage Aserbaidschan. In einem Café in Baku traf ich mich mit einem Oppositionspolitiker, einem beleibten Mann mit dunklem Schnurrbart, der viel rauchte und viel lächelte. Er redete mehrere Stunden auf mich ein und versuchte mich dabei mit seinen Augen zu hypnotisieren. Kein Zweifel, der Mann hatte eine Mission.

Sein Land gehöre zu Europa und sonst nirgendwohin, sagte er. Demokratie, westliche Werte seien seit Jahrhunderten in Aserbaidschan tief verwurzelt. Ich fühlte mich wie eine EU-Diplomatin, die das Urteil sprechen soll für oder gegen Aserbaidschan und Europa. Er tat mir Leid. Woher sollte ich denn wissen, was Europa eigentlich ist und wer dazugehören darf oder nicht? Ich stelle mir Europa immer als ein großes Haus vor, irgendwo in Brüssel, dort lagern sehr viele Akten, sie werden hin- und hergeschoben, ab und zu geht mal etwas verloren oder wird unterschlagen. Die Kondomgrößen werden bestimmt und wie die Äpfel auszusehen haben. Ich weiß nicht, was das mit mir zu tun hat.

Der Oppositionspolitiker begann zu schwitzen, kleine nasse Flecken bildeten sich auf seinem Hemd. Und da hatte ich plötzlich wieder dieses DDR-Gefühl: Jemand müht sich verzweifelt mitzuspielen in der Welt der Wichtigen und will bloß nicht den Anschluss verpassen. In diesen Momenten mime ich die Westeuropäerin, der man den Osten samt Kommunismus erklärt, von der Geschenke erwartet werden und für die man immer Zeit hat, auch wenn andere Termine drängen. Ich beobachte mich in dieser Rolle und versuche keine Fehler zu machen, niemanden zu verletzen oder arrogant zu erscheinen. Von meiner eigenen missglückten Italienisch-Werdung konnte ich dem Oppositionspolitiker nichts erzählen, er hätte mich für überdreht gehalten. Also schwieg ich. „Meine Reportage handelt vom Öl", sagte ich am Ende und wünschte ihm viel Glück.

Dieser Text ist ein Vorabdruck aus der Anthologie „Junge Autoren für Europa“, die von den italienischen Kulturinstituten anlässlich der EU-Ratspräsidentschaft Italiens herausgegeben wird.

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