Eine Jazz-Hommage von Wiglaf Droste : Musik, die sich wehrt

Ernst-Ludwig Petrowsky, der jetzt 75 wird, hat den Berliner Jazz geprägt. Wiglaf Droste schreibt die Hommage an einen Berserker und Liebenden.

Wiglaf Droste
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Man muss auch mal losblasen können. „Luten“ Petrowsky bei einem Konzert. Foto: Imago

Ein Jazzsaxofon kann säuseln, schmeicheln, liebkosen und streicheln. Es kann ächzen, scheppern, quietschen. Es kann quaken, ploppen, schmirgeln, jammern, jaulen. Es kann Zorn zeigen und es kann brüllen. Es kann von Liebe singen, und es kann den Krieg erklären. Es kann einen Kopf wegblasen wie eine Kugel aus einer 45er Magnum – hat aber den unschätzbaren Vorteil, dass der Kopf hinterher noch dran und ganz ist. Anders zwar, verändert, geweckt, aufgescheucht, aber eben noch dran.

Ein menschliches Gehirn, das mit Jazz Fühlung aufnimmt, verliert seine rechten Winkel. Jazz ist die Verneinung des Stechschritts und des Marschiertritts. Jazz ist einzeln und frei, und eine Jazzband ist, nach der Liebe, die intensivste Verschmelzung Freier und Einzelner. Ernst-Ludwig Petrowsky spielt Jazz. Er hat das sein ganzes erwachsenes Leben getan und wird es tun, so lange er da ist. Das hat nichts mit Mode zu tun; es ist existentiell. In den fünfziger Jahren in Deutschland Jazzmusiker zu werden, war eine Entscheidung gegen den Strom. Wer hörte schon Jazz, wer wollte ihn hören? Für die Eingeweihten war Jazz die Musik, zu der man gut rauchen konnte. Man zog sich dazu einen schwarzen Rollkragenpulli an und stülpte sich eine schwere dunkle Brille auf die Existentialistenrübe. Die jungen Männer setzten dazu einen verlorenen Gesichtsausdruck auf, die jungen Frauen einen eher fatalen, und tragisch war man sowieso. Aber jenseits solcher Attitüde war Jazz eben auch ein Gefühl. Eins, das nichts mit Ärmelaufkrempeln und Zupacken zu tun hatte, nichts mit Wiederaufbau und Wiederbewaffnung, weder im Westen noch im ostsozialistischen „Bau auf, bau auf!“

Jazzmusiker sind überall eine Minderheit. Das war in der DDR nicht anders. Ernst-Ludwig Petrowsky, am 10. Dezember 1933 geboren, wurde als Jugendlicher mit Jazz infiziert. Jazz war die Musik der Befreiung – logisch, es war ja die Musik der Befreier. Sie hatten die deutsche Perversion niedergeworfen, aber die Pervertierten waren noch da. Jazz war das Gegengift gegen die Ästhetik der Blockwarte. Jazz trampelt nicht, Jazz schwingt. Oder swingt und tanzt aus der Reihe. Jazz kann so leicht und luftig sein wie ein schönes Kleid, aber ordentlich der Zukunft zugewandt ist er nicht.

In dieser Zeit Jazz zu spielen, war ein Akt der Verweigerung und wurde von den organisierten Kadern einer besseren Zukunft und Welt mit Argwohn betrachtet. Ein Mensch, der etwas nicht versteht, kann versuchen, es verstehen zu lernen. Ein Funktionär, der eine Sache nicht begreift, fühlt sich von ihr in die Enge getrieben. Er behandelt sie als Feindseligkeit, als Kampfansage.

Wenn Musik sich wehren muss, entwickelt sie ihre eigenen Mittel der Subversion. Man kann das in der Musik Ernst- Ludwig Petrowskys heute noch hören. Wenn er mit dem Zentralquartett deutsche Volkslieder spielt, wird den kontaminierten Melodien jede als verlogen empfundene Harmonie ausgetrieben. Dann wird mit Volldampf und Furor zerlegt, zertrümmert und zerhackt. Wohlgefühle erzeugt das nicht. Barjazz ist anders.

Doch Ernst-Ludwig Petrowsky gehört zu den Musikern, die wissen, dass man Musik zuerst spielen können muss, um ihre Grenzen auszuloten. Mit experimentalsimulatorischem Getute und Gemache hat er die Welt rücksichtsvoll verschont; die amusikalischen Bedürfnisse der Free- Jazz-Polizei bedient er eben auch nicht. Der Autodidakt Ernst-Ludwig Petrowsky, den Kollegen und Freunde schlicht „Luten“ rufen, ist ein Mann von starkem und widerborstigem Charakter. Er kann das Saxofon als Axt einsetzen, und er kann so zart und harmonisch schön spielen wie nur einer, wenn er denn will. Vorschreiben lässt er sich das nicht. Stellt sich ein Musikfunktionär oder sonst wie Trittbrettfitti in seine Nähe und will ihm sagen, was er zu tun und zu lassen und zu spielen hätte, bläst dem die ganze Rauhheit des Mecklenburgers ins Gesicht. Wer meint, er könne Petrowsky vereinnahmen und vor seinen Karren spannen, der lernt ihn kennen, seine Energie, seinen Kampfgeist und trockenen Humor.

Wer ihn in seiner Freiheit aber nicht beschränkt und ihn nicht nötigen will, seine Kunst zu verraten, erlebt einen charmanten, liebenswürdigen Mann. Das Schönste am Jazz ist, dass man tatsächlich alles rein musikalisch sagen kann. Unverfälscht kommt es aus dem Rohr. Von der zarten Liebeserklärung bis zum Zorneswind in die Arschgesichter der Welt hat Luten Petrowsky alles in seinem Repertoire. Die Gabe, Knorrigkeit und Swing miteinander zu verschmelzen, heißt Ernst-Ludwig Petrowsky.

Petrowsky tritt am Samstag als Gast von Joachim Kühns Berlin-Trio im Radialsystem auf, 20 Uhr. Im Rahmen des „Jazz Marathons“ spielen außerdem Aki Takase, Kathrin Lemke, Stereo Lisa und Gebhard Ullmann. Holzmarktstr. 33, Mitte.

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