Kultur : Eine Klasse für sich

Kleiner, heller, homogener: Das Art Forum Berlin kämpft um seine Existenz – und hält sein Niveau

Katrin Wittneven

Mit den Kunstmessen ist es ein wenig wie mit dem Fußball. Es gibt die Champions-League, die Bundesliga und die Regionalliga. Und vor allem gibt es immer mehr davon, denn der zeitgenössische Kunstmarkt boomt, und auch Verantwortliche des Stadtmarketings erkennen die Anziehungskraft der Kunst. Nur mit der Zuschauerquote ist es eben nicht wie beim Fußball. Diese Herbstsaison wird für die Liebhaber und Sammler dichter als jemals zuvor. Gleich sechs internationale Messen von Berlin über London, Paris und Köln bis nach Miami und Turin fordern in den nächsten Monaten Investitionskraft und Aufmerksamkeit. So viel Messe war nie – und natürlich möchte keine von ihnen die Champions-League verlassen.

In Berlin ist der Klassenerhalt noch einmal gelungen. Das achte Art Forum hat auf die Marktsituation schon im Vorfeld mit einer Reduzierung der ausstellenden Galerien um ein Drittel reagiert. Die Konzentration auf 100 Galerien schafft indes ein gutes Maß, und der Umzug innerhalb des Messegeländes in die beiden historischen Ermisch-Hallen bringt Tageslicht und erleichtert zudem die Orientierung. Und auch die Stadt gibt endlich den nötigen Rückenwind: Das Ausstellungsprogramm in den Institutionen und Museen ist deutlich attraktiver als in den vergangenen Jahren.

Und: Nach einer mehrjährigen Pause hat am Dienstagnachmittag wieder ein Regierender Bürgermeister die Messe eröffnet. Diesen positiven Entwicklungen steht eine lange Debatte um das Format der Messe gegenüber, die damit endete, dass in diesem Jahr eine ganze Reihe Berliner Top-Galerien fehlt. Eine Ohrfeige für den Standort und zudem eine unkollegiale Geste, denn man kann sich leicht ausmalen, was es für renommierte Galeristen von außerhalb bedeutet, auf der Messe anzukommen und festzustellen, dass viele ihrer Berliner Kollegen fern bleiben. Aber es spricht auch für die Größe, Vielfalt und Bedeutung der hiesigen Szene, dass es gleichzeitig vor allem Berliner Galeristen sind, die das Niveau der Messe allen Unkenrufen zum Trotz halten.

Gleich am Anfang des Rundgangs verführt die Galerie Kicken mit einer fantastischen Auswahl an Fotoarbeiten von August Sander über Dieter Appelt bis hin zu einem Frühwerk Martin Kippenbergers, das der Galerist aus einem Berliner Loft bergen und restaurieren ließ. Die Galerie Thomas Schulte zeigt Tonskulpturen von Richard Deacon und Filme von Gordon Matta-Clark – Museumskunst auf hohem Niveau. Das gilt auch für die ebenso minimalistische wie konzeptuelle Bar von John M Armleder, mit der Anselm Dreher auf die Messe gekommen ist. Die „Furniture Sculpture“ aus diesem Jahr, die Verweise von Carl Andre bis zu Pistoletto vereint, kostet 110 000 Euro. Ein hochkarätiges Wechselspiel aus bekannten Größen wie Heimo Zobernig und Cosima von Bonin und neueren Namen wie Stefan Müller, der Mobiles aus dickem Draht ausstellt, zeigt Christian Nagel. Und auf malerisch höchstem Niveau präsentiert sich einmal mehr die Galerie Eigen + Art, unter anderem mit zwei großen Papierarbeiten von Neo Rauch, Stückpreis 60 000 Euro.

Akzente setzen natürlich auch internationale Händler wie der Wiener Georg Kargl unter anderem mit einer Skulptur von Mark Dion, die Antwerpener Galeristin Stella Lohaus mit Zeichnungen von Erik van Lieshout oder der Global Player Thaddaeus Ropac, der mit einer Solo-Show von Tom Sachs dessen Ausstellungen in der Deutschen Guggenheim und dem neuen Ausstellungsraum im Hamburger Bahnhof flankiert. Gerade in dieser hochkarätigen Zusammenstellung macht ein detailverliebt gearbeiteter Plattenspieler aus Papier deutlich, wie einfach es für den Besucher ist, im Guten dann auch das Besondere zu erkennen.

Streckenweise tut man sich aber gerade damit auf der Messe schwer. In der Homogenität des breiten Mittelfeldes hat das Auge Schwierigkeiten, visuelle Ankerpunkte zu finden. Zu wenig originär ist vielfach die Kunst. Und gerade im Zuge des Malereibooms, der sich im letzten Jahr bereits abzeichnete, sind viele Aussteller mit allzu fleißig-kleinteiligen oder allzu bunten Bildern nach Berlin gekommen. Take-Away-Kunst, die sich Sammler direkt unter den Arm klemmen können. „Everything is interesting“ steht auf einem Button, den die kanadische Künstlerin Kelly Mark entworfen hat. Ach, wenn es doch so einfach wäre.

Dabei lohnt es sich durchaus, Risiken einzugehen. Die Entscheidung des Luzerner Galeristen Urs Meile etwa, mit nur drei Arbeiten des 32-jährigen chinesischen Künstlers Xie Nanxing nach Berlin zu kommen, hat sich ausgezahlt. Für jeweils 28 000 Euro gingen die extrem querformatigen Gemälde, die der Künstler treffend als „menschliche Landschaften“ bezeichnet, in drei europäische Privatsammlungen. Auch sonst liefen die Verkäufe des ersten Messetages überaus positiv. Der Berliner Galerist Michael Schultz etwa verkaufte zwei kleine und ein großes Gemälde von Norbert Bisky (12500 Euro) und der Baselitz-Meisterschülerin SEO (5000 Euro) schon kurz nach der Messeeröffnung. Nahezu ausverkauft war am Ende des ersten Abends die Berliner Galerie Wewerka, die eine von der Kuratorin und zukünftigen Galeristin Klara Wallner zusammengestellte Malereiausstellung mit Arbeiten von Joachim Grommek oder Steven Black zeigte.

So gibt es am Ende doch etliche Neuentdeckungen: Kai Schiemenz’ Holzschnitte bei der Berliner Galerie Koch & Kesslau, die kleinen, feinen Zeichnungen von Marcel van Eeden bei der Münchner Galerie Zink & Gegner oder Kira Wagers Interpretationen alter Familienfotos in Öl auf PVC bei der „Galeri K“ aus Oslo – velleicht gerade weil manch prominenter Hingucker fehlt.

Die ein oder andere Galerie, die diesmal fern geblieben ist, wird sich für das nächste Jahr sicherlich überlegen, auf das Art Forum zurückzukehren. Und die Entscheidung über die langfristige Zukunft der Messe? Sie hängt nicht zuletzt von solchen Überlegungen der Galeristen ab.

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