Kultur : Eine kleine Tafelmusik

Saisonstart der Berliner Philharmoniker: Simon Rattle dirigiert Strauss und Beethoven

Sybill Mahlke

Die Philharmonie leuchtet. Die Abendsonne überm Kemperplatz steht in blendender Konkurrenz mit dem Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker. Prominenz aus Politik und Kultur ergreift gern die Gelegenheit, ein Wiedersehen zu feiern. Über dem Sommergrün des Rasens, wo ein Beköstigungsstand aufgebaut ist, weht ein Hauch von Bayreuth.

Theaterluft ist auch drinnen zu spüren, denn Simon Rattle, der als Chefdirigent der Philharmoniker eine kulinarische Spielzeit mit großen Reise- und Opernplänen eröffnet, begibt sich zunächst in die Welt des Schauspiels. Es geht um die Bühnenmusik zu Hugo von Hofmannsthals Stück „Der Bürger als Edelmann“ nach Molière. Richard Strauss hatte sie als Konzertsuite gerettet, nachdem das Konzept einer szenischen Koppelung mit der Oper „Ariadne auf Naxos“ gescheitert war: versunkener Zauber um einen Parvenue, der sich ein reiches Diner mit Tänzen und Lully-Musik leistet und mit seinem prahlerischen Gebaren in der Komödie blamiert. Theaterluft aus alter Zeit, die ein wenig Stegreif erlaubt, Commedia: Die Philharmoniker scheinen noch zu üben, bevor sie zur funkelnden Resteverwertung einer köstlichen Tafelmusik gelangen. Und doch: Was für ein Orchester! Was für Solisten bei erstklassiger Besetzung!

Das „Testament“ für zwölf Bratschen von dem ehemaligen Philharmoniker Brett Dean, 2003 im Kammermusiksaal uraufgeführt, setzt Beethovens Heiligenstädter Verzweiflung (1802) in Klanggebärden um. Geräusch der Schreibfeder, Einsamkeitstöne, hier eine stimmige Überleitung zur „Eroica“ (1803).

Dass Beethoven noch immer die Führung unter den Lieblingen des Konzertpublikums hält, erklärt sich in einer Interpretation wie dieser. Nach Rattles irritierender Wiedergabe der Neunten im Eröffnungskonzert der Saison 2004/05 fasziniert überraschend seine Dritte, weil sie mit Feuer und Nuance den revolutionären Charakter der Musik verteidigt. In jeder kleinen Zurückhaltung des Zeitmaßes, die dann dem Crescendo Ausdruck gibt, strebt die Gestaltung dem Ganzen zu. Nicht der druckvolle Moment dominiert, sondern die Innenspannung, wenn der dumpf anhebende Trauermarsch zum dramatischen Kontrapunkt drängt und die attackierende Einleitung des Finales auf das Bassfundament des Themas zielt. Eine mitreißende Aufführung!

Die Symphonie wird die Musiker in diesem Herbst noch beschäftigen und ihnen hoffentlich Ehre einbringen: morgen im Salzburger Festspielhaus und später im November auf einer großen Asientournee.

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