Kultur : Eine kräftige Prise Hollywood

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Der deutsche Film kann gar nicht besser sein, zitierte der Produzent Günter Rohrbach zum Deutschen Filmpreis 2000 ein geflügeltes Wort. Stimmt diese Diagnose noch?

Bernd Eichinger: Es ist müßig, jedes Jahr neu über die Qualität des deutschen Films zu streiten. Es gibt gute und weniger gute Jahrgänge - und es bringt wenig, mit griffigen Sätzen schnelle Urteile zu fällen.

Julian Nida-Rümelin: Die vergangene Saison war mit einem deutschen Marktanteil von fast 20 Prozent sensationell gut, das gab es seit den 70er Jahren nicht mehr. Neun deutsche Spielfilme haben 2001 mehr als eine Million Zuschauer erreicht. Dabei handelt es sich um einen gesamteuropäischen Trend. Der Hollywoodfilm behält zwar seine Dominanz, aber sein Marktanteil geht zurück, auch in Frankreich, England, Italien.

Wie steht Deutschland im Vergleich zu Frankreich oder England da?

Nida-Rümelin: Frankreich liegt mit einem einheimischen Marktanteil von gut 40 Prozent an der Spitze. Vergleichbare Ergebnisse gab es in den vergangenen Jahren nur noch in Dänemark. Großbritannien, Italien und Deutschland liegen ungefähr gleich, Länder wie Spanien oder die Schweiz weit darunter.

Nun ist der wirtschaftliche Erfolg ja nicht identisch mit der Qualität der Filme.

Nida-Rümelin: Meine Reformvorschläge für die Filmförderung basieren auf der Legitimationsgrundlage, den Film als Kulturgut zu fördern. Aber Kultur hat nur dann Erfolg, wenn sie ihr Publikum erreicht. Die kulturelle Bedeutung des deutschen Films hängt also auch davon ab, dass er nicht nur in Goethe-Instituten gezeigt wird.

Eichinger: Sicher wäre es falsch, das Einspielergebnis zum einzigen Messwert zu erklären. Trotzdem ist es ein Zeichen für das wiedergewonnene Zuschauerinteresse.

Wie gelingt es Frankreich, dieses Interesse besonders hoch zu halten? Spielen die Cesars, eine Rolle? Wäre es nicht sinnvoll, wenn sich der Deutsche Filmpreis wie die französischen Filmpreise stärker am Oscar orientierten?

Nida-Rümelin: Wir haben den Filmpreis in den letzten Jahren deutlich aufgewertet. Er wird vom Publikum angenommen. Ich bin bereit, über Reformschritte zu diskutieren, die ihn auf eine noch breitere Basis stellen.

Eichinger: Es gibt in der Branche seit Jahren die Idee einer Deutschen Filmakademie nach dem Vorbild der American Academy. Sie könnte die jetzige - begrüßenswerte - Aufwertung noch einmal verstärken. Im Moment gibt es ein elfköpfiges Gremium, das die Nominierungen und Preise vergibt. Das ist nicht unbedingt das wirkungsvollste Verfahren. In der Filmakademie könnten alle bisherigen Gewinner von Filmpreisen in Gold und Silber versammelt sein, ergänzt um Filmschaffende, für die zwei Akademie-Mitglieder bürgen. Die Akademie hätte dann etwa 2000 Mitglieder: Regisseure, Drehbuchautoren, Schauspieler, Kameraleute, Produzenten, Cutter, Ausstatter etc. Die Nominierungen würden von den jeweiligen Sparten vorgenommen werden: Regisseure wählen Regisseure aus, die Schauspieler die Schauspieler und so weiter. In einem zweiten Durchgang stimmen alle Akademie-Mitglieder über die Preise ab. Die Verleiher können, wie in Amerika üblich, zusätzlich Videokassetten verschicken. Wenn ich zum Beispiel den neuen Film von Helmut Dietl verpasst habe, kann ich ihn mir vor dem Votum anschauen.

Der Kulturstaatsminister stellt weiter das Preisgeld zur Verfügung, hat aber nichts mehr zu sagen?

Nida-Rümelin: Bislang lobt meine Behörde einen Preis aus und dotiert ihn. Die Akademie wäre keine staatliche Einrichtung, sondern eine Eigenorganisation der Branche. In anderen Ländern lobt die Branche selbst - in der Regel undotierte – Preise aus. Es gibt bei Bernd Eichingers Modell also Probleme, über die in der nächsten Zeit zu diskutieren ist. Ich bin offen für eine Public-Private-Partnership; die Verhandlungen darüber können wir allerdings nicht im Rahmen eines „Tagesspiegel"-Interviews führen.

Eichinger: Selbstverständlich funktioniert das nur, wenn die Branche und der Kulturstaatsminister sich einigen. Es wäre unsinnig, die Akademie abseits der staatlichen Filmfördermaßnahmen ins Leben zu rufen.

Hätte „Das weiße Rauschen" gegen den „Schuh des Manitu" dann eine Chance? Besteht bei einer Popularisierung nicht die Gefahr, dass nur die Kassenschlager gewinnen?

Eichinger: Wieso sollten ausgerechnet Regisseure nicht sehen, dass eine Regieleistung herausragend ist, auch wenn der Film kein Kassenerfolg ist? Schauen Sie sich die diesjährigen Oscar-Nominierungen an: „Beautiful Mind", „Gosford Park", „In the Bedroom", „Der Herr der Ringe" und „Moulin Rouge". Als Regisseure waren David Lynch, Peter Jackson, Robert Altman, Ridley Scott und Ron Howard nominiert: Diese Auswahl war doch keine nach kommerziellen Kriterien!

Nida-Rümelin: Die Stärke des deutschen Films liegt nicht im Mainstream, sondern beim kulturell Anspruchsvollen. Auch ich glaube nicht, dass der Filmpreis mit der Selbstorganisation der Branche in den flachen Gefilden der reinen Unterhaltung landen würde. Man könnte aber spezifische Akzente setzen, mit Preisen für Innovation . . .

Eichinger: . . . oder für den Nachwuchs. Ich verspreche mir von diesem Verfahren eine größere Kommunikation innerhalb der Branche sowie ein populäres Profil in den Medien und damit in der Öffentlichkeit.

Das Kulturstaatsministerium hat viele Pläne zur Stärkung des deutschen Films. Das Filmfördergesetz soll reformiert werden, damit die Förderung erfolgsorientierter wird und auch kulturelle Erfolge wie Festivalpreise zu Buche schlagen. Alle halten das für eine gute Idee. Aber wann wird sie endlich realisiert?

Nida-Rümelin: Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, dass den Worten keine Taten folgen. Reformvorhaben in der Filmpolitik sind oft daran gescheitert, dass die Produzenten, Filmemacher, Kinobetreiber, Fernsehsender und Förderanstalten sich gegenseitig blockieren. Diese Blockade gilt es aufzubrechen, über viele, viele Gespräche mit allen Zweigen der Branche, etwa auch mit der 2001 gegründeten Produzentenvereinigung "film 20", der Bernd Eichinger ja angehört. Nur so können wir konkrete Vorschläge erarbeiten, die nicht dem Kleinklein der Interessenskonflikte zum Opfer fallen. Kein anderer Etatposten meiner Behörde wurde so sehr aufgestockt wie die Filmförderung. Und das von mir im November 2001 vorgestellte filmpolitische Konzept bildet die Grundlage für die Reform, die 2003 mit der Novellierung des Filmfördergesetzes umgesetzt wird. Es zeichnet sich eine breite Zustimmung ab, sogar bei den Fernsehanstalten, die zu den schwierigen Verhandlungspartnern gehören.

Eichinger: Seit es einen Kulturstaatsminister gibt, erlebe ich zum ersten Mal seit 25 Jahren, dass die Branche einen Ansprechpartner hat. Lobbyarbeit fand vorher immer über obskure Kanäle statt. Ich bin sehr zufrieden damit, dass die Filmbranche von der Politik endlich unterstützt wird.

Die in „film 20" zusammengeschlossenen Produzenten wollen mehr Filme mit Spitzenbudgets. Mehr Geld sorgt für mehr Erfolg?

Nida-Rümelin: Deutschland hat einen der größten Filmmärkte Europas, aber unsere Budgets sind im Durchschnitt niedriger als etwa in Großbritannien oder Frankreich. Und dass im Jahr 2001 3,5 Milliarden Euro über Medienfonds in amerikanische Produktionen abgeflossen sind, ist absurd. Auch da setzen unsere Reformvorschläge an: Medienfonds sollen künftig an die Bedingung geknüpft werden, einen Teil der Gelder hier in Deutschland zu investieren. Ein anderer Ansatz besteht darin, die Eigenkapitalisierung der Produzenten zu erleichtern, damit aus Manufakturen ein Industriezweig wird.

Eichinger: Es geht uns nicht darum, einfach die Budgets zu erhöhen, auch wenn Journalisten das immer wieder schreiben. Filme werden nicht automatisch besser, wenn sie finanziell besser ausgestattet sind. Aber epische Stoffe, Historienfilme, Filme mit Spezialeffekten sind im Moment in Deutschland nicht finanzierbar: Sie kosten nunmal 20 bis 25 Millionen Mark. Die Folge: Ich kann bestimmte Geschichten, die für die Geschichte und das Bewusstsein unserer Nation wichtig sind, im deutschen Kino zurzeit nicht erzählen. "Die Blechtrommel" würde heute 30 Millionen Mark kosten; das Boot" kostete schon damals 30 Millionen Mark. Warum gibt es bei uns so viele Komödien? Weil es das billigste konkurrenzfähige Genre ist.

Was wünscht sich der Produzent vom Minister und was der Minister vom Produzenten?

Eichinger: Minister Nida-Rümelin hat ein klares Bekenntnis der Politik zur Filmkultur abgegeben – das ist gut. Denn der Markt allein ist selbst im Erfolgsfall nicht rentabel genug, um ihre Existenz zu garantieren. Ich wünsche mir nun, dass die Fernsehsender mehr in die Pflicht genommen werden, so wie es in Frankreich der Fall ist. Denn vom Kinoerfolg profitieren auch die Sender.

Nida-Rümelin: Der Druck auf die Sender ist da. Wir möchten den Einfluss der Fördergremien zurückdrängen. Aber ich erlebe es bei Änderungsvorschlägen immer wieder, dass es aus der Branche heißt: Dann bleibt besser alles so, wie es ist. Ich wünsche mir mehr Mut zur Eigenverantwortung der Filmschaffenden. Wobei Bernd Eichinger schon lange zu den Mutigsten gehört.

Das Gespräch führten Hellmuth Karasek und Christiane Peitz.

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