• Eine Künstlergeschichte aus Krächen, gegenseitigen Beschimpfungen und gewalttätigen Skandalen

Kultur : Eine Künstlergeschichte aus Krächen, gegenseitigen Beschimpfungen und gewalttätigen Skandalen

Jörg von Uthmann

Wer immer die Geschichte der menschlichen Streitsucht schreibt, wird darin den Surrealisten einen Ehrenplatz zuweisen müssen. Kaum eine andere künstlerische Bewegung wurde von so vielen Krächen, gegenseitigen Beschimpfungen und gewalttätigen Skandalen begleitet. Noch bevor sie 1924 mit André Bretons "Manifeste du Surréalisme" offiziell aus der Taufe gehoben wurde, hatten sich die Gründer der Bewegung bei einem Theaterkrawall von den Dadaisten getrennt. Den Tod des Patriarchen der französischen Literatur, Anatole France, quittierten sie mit einem aggressiven Nachruf, "Un cadavre" - ein Titel, den einige Jahre später ein gegen Breton gerichtetes Pamphlet wieder aufwärmte. 1935 ohrfeigte Breton auf einem Schriftstellerkongress seinen sowjetischen Kollegen Ilja Ehrenburg. Kurz danach verlor Vitor Brauner bei einer Schlägerei sein linkes Auge. Der Werfer des fatalen Geschosses, Oscar Dominguez, beging später Selbstmord - ebenso wie René Crevel und Arshile Gorky.

Exkommunikationen und Austritte waren an der Tagesordnung. Als Breton am Halse von Madame Magritte ein Kreuz entdeckte, forderte er sie unwirsch auf, das Symbol klerikaler Volksverdummung sofort zu entferne. Da sich Madame Magritte weigerte, drohte er ihrem Gatten mit dem Ausschluß. Margritte erhob sich: "Komm, Georgette, wir gehen." Damit trennten sich die Wege des französischen und des belgischen Surrealismus. Wie Paul Eluard verließ Max Ernst gleichfalls die Bewegung, was diese nicht hinderte, ihn 20 Jahre danach noch einmal auszuschließen.

Eluards Entfremdung von den Surrealisten hatte damit zu tun, daß Breton den Versuchen der Kommunistischen Partei, die Bewegung ins Schlepptau zu nehmen, beharrlich widerstand. 1935 wurden die Moskauer Schauprozesse von den Pariser Surrealisten sogar ausdrücklich angeprangert. Das war zuviel für Eluard und andere Sympathisanten. Sie liefen in Scharen zu den Kommunisten über - auch wenn nicht alle so weit gingen wie Louis Aragon, den das "Knattern der Gewehre", die Exekution der Verurteilten, mit "einer bisher unbekannten Fröhlichkeit" erfüllte. Salvador Dali, der Großmeister der Provokation, schwärmte dagegen von den Nazis: "Die Weichheit von Hitlers Fleisch erzeugt in mir eine milchige, wagnerische Ekstase, die mein Herz höher schlagen läßt."

In gewisser Weise waren die unablässigen Streitereien schon im Gründungsmanifest angelegt. Dort war von den schönen Künsten überhaupt nicht die Rede, sondern von einem "psychischen Automatismus" und einem "Diktat des Denkens ohne jede Kontrolle durch die Vernunft". Der Surrealismus verstand sich zunächst als literarische Bewegung, die die Schätze des Unbewußten ans Tageslicht zu heben hoffte. Das war aber gerade nicht, was René Magritte wollte: Er überließ nichts dem Zufall, sondern präsentierte ganz bewußt realitätsferne Inhalte in realistischer Manier. Auch Joan Mirò, laut Breton "die schönste Feder am Hut des Surrealismus", war von einem "psychischen Automatismus" weit entfernt. Die Frage ist erlaubt, ob sein unverwechselbarer Kosmos voll bizarrer Formen und bunter Kleckse nicht eher zur abstrakten Kunst gehört - eine Zuschreibung, gegen die sich Miró allerdings energisch wehrte.

Auch die nahezu 700 Objekte, die die Spirale des Guggenheim-Museums bis unter das Dach füllen, sind stilistisch nur schwer unter einem Hut zu bringen. Einige - wie die Bilder von Francis Bacon - scheinen selbst bei Anlegung großzügiger Maßstäbe fehl am Platze. Andere - wie Joseph Cornells mit Flohmarkt- und Mülleimer-Trouvaillen bestückte Kästen - ordnen sich zwangslos in die surrealistische Welt ein, obgleich ihr Hersteller mit dem Pariser Klüngel nichts zu tun hatte. Die großen Namen des Surrealismus sind alle vertreten, wenn auch nicht unbedingt mit ihren besten Arbeiten. Denn was das Guggenheim Museum zeigt, sind keine von Kuratoren handverlesenen Perlen, sondern zwei Privatsammlungen, die das Museum vermutlich eines Tages zu erben hofft.

Die beiden Sammler, der inzwischen verstorbene Schallplattenproduzent Nesuhi Ertegun und der Verleger Daniel Filipacchi, waren miteinander befreundet. Filipachi war schon als Zehnjähriger mit dem Surrealismus in Berührung gekommen: Er kaufte ein Buch mit dem aufregenden Titel "Der weißhaarige Revolver" und war tief enttäuscht, als er zu Hause feststellte, daß er keinen Kriminalroman erworben hatte, sondern einen Band von Breton-Gedichten.

Ertegun und Filipacchi haben auf allen Gebieten gesammelt, auf denen sich die Surrealisten tummelten - nicht nur Gemälde herkömmlicher Art, sondern auch Collagen, Frottagen, Grattagen und (mit einer Kerzenflamme gebräunte) Fumagen. Auch die dazugehörigen poetischen und theoretischen Schriften fehlen nicht, ebensowenig die manipulierten Fotografien und le cadavre exquis (der köstliche Leichnam), ein surrealistisches Gesellschaftsspiel, bei dem die Teilnehmer gemeinsam Texte und Zeichnungen produzierten, ohne die Beiträge ihrer Mitspieler zu kennen. Es ist ein buntes Gemisch, das vor dem Auge des vom Olymp langsam herabsteigenden Besuches defiliert, bunt und chaotisch. Und das ist genau das, was jedenfalls Salvador Dali gefallen hätte. Er nannte den Surrealismus "die in ein System gebrachte Konfusion. Der Surrealismus ist zerstörerisch, aber was er zerstört, sind nur die Fesseln, die unsere Fantasie gefangen halten." Was immer sich gegen die Auswahl der beiden Sammler sagen läßt - der Ort könnte nicht passender sein. Die dritte Madame Ernst war schließlich eine geborene Guggenheim.Bis 12. September. Katalog broschiert 50 Dollar, gebunden 95 Dollar.

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