• „Eine Kultur ohne Ethos ist nichts wert“ Barenboim über „Wagner und das Judentum“

Kultur : „Eine Kultur ohne Ethos ist nichts wert“ Barenboim über „Wagner und das Judentum“

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Wirft man alles in einen Topf, redet man am Ende vielleicht doch nur um den heißen Brei herum. Und vielleicht taugt die aktuelle deutsche Integrationsdebatte ja am allerwenigsten dazu, die Schwierigkeiten zu ergründen und zu erhellen, die viele Israelis und Juden bis heute mit dem Komponisten Richard Wagner haben, mit seiner Musik, seinen Schriften, seinem Antisemitismus. Dennoch und bei aller Klugheit: Der Vortrag, mit dem Daniel Barenboim im Schillertheater nun ein international besetztes Symposium zu „Richard Wagner und das Judentum“ eröffnete, blieb hinter den Erwartungen zurück. Nicht nur weil es wenig Neues zu berichten gibt, solange sich die bekannten Fronten derart verhärten, sondern auch und vor allem weil die Gegenwart mit kaum einer Silbe gestreift wurde.

Bezüge zum Friedensprozess im Nahen Osten oder zu den Herren Sarrazin, Wulff, Seehofer und Özil in Deutschland hätte es nicht gebraucht, wie gesagt; ein Wort zu den überscharfen israelischen Reaktionen in der vergangenen Woche auf das geplante Konzert des Israel Chamber Orchestra am 26. Juli 2011 in Bayreuth aber wäre wohl angebracht gewesen. Und zwar im Sinne der Sache wie in eigenem Interesse – schließlich lassen die Barenboim-Gegner in Israel keine Gelegenheit aus, den Dirigenten für seine Wagner-Liebe und seine Israelkritik haftbar zu machen. So auch jetzt wieder. Doch nichts von alledem am Samstagmittag. Das Schillertheater als Elfenbeinturm?

„Wagner, Israel und die Palästinenser“ lautet Barenboims Thema. So wie das Wagner-Tabu in Israel bis heute niemand anderem als dem Massenmörder und pathologischen Rassisten Adolf Hitler recht gebe (und nicht etwa jüdischen Philosophen und Gelehrten wie Moses Mendelssohn, Spinoza oder Martin Buber!), so kaschiere das Palästinensertabu die bis heute fehlende Identität der israelischen Juden. Barenboim zitiert Barenboim: Bei Gründung des Staates Israel 1948 sei Palästina kein „leeres Land“ gewesen. Und erzählt die Anekdote der beiden Rabbis, die im Auftrag von Theodor Herzl das auserkorene Land zu besichtigen hatten. Ihre Erkenntnis: „Die Braut ist wunderschön – aber sie ist schon verheiratet.“

Auf makabre Weise korrespondiert so Herzls Vision eines Judenstaates mit dem Recht auf einen eigenen Staat, das den Palästinensern von den Israelis bis heute mit allen Mitteln verwehrt wird. Und auch bei Richard Wagner bietet es sich an, mit zweierlei Maß zu messen, den bösen Menschen kurzerhand vom genialen Künstler zu trennen. Damit wären zumindest alle Wagnerianer fein raus. Dass dies ebenso absurd ist wie das Wagner’sche Künstlertum für immer unter der Wagner’schen Gesinnung zu begraben, belegt Barenboim auf so schlagende wie brillante Weise. Indem er Richard Wagners Antisemitismus zu dem des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ins Verhältnis setzt – und seine Musik, stichprobenartig, vom Vorwurf jedes dumpfbackigen Pathos freispricht. Ob „Tristan“-Vorspiel oder die Sturmmusik im ersten Akt der „Walküre“: Sinnlichkeit und Rausch resultierten einzig aus der „Mathematik“ der Komposition, ihrer Mehrdimensionalität.

Früher habe man ihn gefragt, was er spiele, hat Barenboim einmal gesagt; dann habe man ihn gefragt, was er dirigiere – und heute frage man ihn, was er denke. Wie offen er darüber Auskunft gibt, ist auch in der anschließenden Diskussion über Musikmissbrauch und Opernregie, über Beckmesser, Bayreuth und „das Böse“ zu erleben. Eine Kultur ohne Ethos ist nichts wert, sagt Daniel Barenboim irgendwann, und da sind sich Wagner und Israel plötzlich sehr nahe. Christine Lemke-Matwey

Schillertheater, „Richard Wagner und das Judentum“, Abschluss des Symposiums heute, 17.10., ab 11 Uhr, Eintritt frei

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