Kultur : Eine Leiche im Aquarium

Über Slobodan Milosevic, den großen Fisch unseres Unglücks / Von Bora Cosic

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Milosevic, den habe ich nur einmal gesehen. Unter besonderen Umständen beobachtete ich ihn eines Tages durch die dicke Glasscheibe im Gerichtssaal in Scheveningen. Meiner Meinung nach war es eine ganz passende Situation, um diesen Mann kennen zu lernen, der sein ganzes Leben von der Welt abgetrennt hat. Denn egal, was er auch unternommen hatte, es machte den Anschein, als würde die Welt für ihn nicht existieren.

Es geht um einen großen Fisch, den Seeteufel, der im Becken der europäischen Justitia beliebig seine Runden drehte, ganz egal, was auch die Angler in den roten Richterroben unternahmen. Dieser Walhai unserer serbischen Überheblichkeit, des Trotzes, der Dickköpfigkeit! Mit seltener Hartnäckigkeit schaffte er es immer wieder zu entgleiten.

Wenn ich heute an diesen einen Tag im Jahre 2002 denke, erscheint es mir, als wäre ich in einem großen Fischgeschäft gewesen, wo alles vorzüglich eingerichtet ist. Nur diesen zappelnden Riesen konnten sie nicht kriegen. Nun ist es passiert: Das Biest wurde in der Grube gefunden, verendet offensichtlich ohne fremden Einfluss.

Einmal, in meiner Jugend, passierte Folgendes: Irgendwo hatte man einen Wal gefangen, und als stünde diese Geschichte in Verbindung mit dem großen Romancier Herman Melville, karrte man den toten Wal durch die Gegend. So kam er auch nach Belgrad. Die Stadt, weit vom Meer entfernt, erlebte Seltsames. Auf dem Hauptplatz, unmittelbar neben der Statue eines Fürsten auf seinem Pferd, breitete sich diese tote Masse aus und entfaltete auch ihren Duft.

Mir scheint, dass in Europa jetzt Ähnliches vor sich geht. In den nächsten Tagen möchten alle dieses tote Ding im Garten inspizieren, mal anschauen, ausmessen und riechen. Ich muss auch sagen, dass die deutsche Öffentlichkeit nicht allzu sehr damit beschäftigt ist. Der Tod unseres Diktators scheint die Deutschen weniger zu betreffen, so wie man sich hier auch am Ende der Krise auf dem Balkan benommen hat, als man den Amerikanern den Vortritt überließ.

Fische als solche, auch die ganz großen, sind für ihre Schweigsamkeit bekannt. Milosevic, ein großer Fisch aus der Region der Politik, war im Gegenteil ganz gesprächig, nur die Worte, die er sprach, hatten nichts zu bedeuten. Er war also ein lügender Drachenkopf. Ein ganz merkwürdiges Geschöpf, seiner Lage würdig – in einem Glaskasten eingesperrt und ausgestellt. Damit wir, nach langer peinlicher Untersuchung, endlich zu der Erkenntnis gelangen, was sein Leitgedanke war: Alles, was er unternahm, endete mit einem Fehlschlag, und trotzdem blieb er eisern auf seinem Kurs, bis zum Tod.

Wie verbindet man seinen scheinbaren Autismus mit dem Wunsch, von den Massen umgeben zu sein? Vielleicht zeichnet es alle Diktatoren aus, von Millionen Menschen geliebt zu werden – und gleichzeitig auf diese Millionen zu spucken.

In einem Roman von Musil gehen die zwei Hauptfiguren den eingesperrten Kriminellen besuchen, der außerdem bescheuert ist. Diese Parallele möchte ich vermeiden. Denn der Mann, dessen Aquarium ich in den Niederlanden besucht habe, war nicht verrückt, sofern Verbohrtheit nicht auch in den Bereich der Psychopathologie gehört. Aber dann wäre mein ganzes Volk verrückt, denn selten findet man eine Nation mit so viel Hartnäckigkeit und Dickköpfigkeit, vor allem, wenn diese Eigenschaften in die falsche Richtung führen, in den Untergang.

Diese Menschen, die sich durch so viel Geist auszeichnen, die einfallsreich und agil und fähig sind, manchmal wunderbar lustig, wählen meistens den falschen Weg, die schlechteste Einbahnstraße, die an irgendeiner Wand endet. Deshalb war dieser Mann meinen Leuten so wichtig, weil er alle Kennzeichen ihrer Seele in sich vereinigte – auf zermalmende, unglückliche und selbstmörderische Art und Weise. Es kam mir an diesem Tag in den engen Sitzreihen der Haager Justizsäle vor, als würde ich meine gesamte Ethnie beobachten, wie sie in der ihr eigenen Art, schleimig, sich windend und zappelnd, unfassbar bleibt.

Es ist schwer, über den Intellekt einer unter Wasser lebenden Spezies zu urteilen. Man weiß nur, dass das Gehirn der Fische nicht besonders voluminös ist. Aber, auch wenn der Wal streng genommen kein Fisch ist – der Wal hat Ahab besiegt, den erhabenen Walfänger. Der Wal hat auch Jonas verschluckt und ihn ziemlich lang in Gefangenschaft gehalten. Wenn er all das schafft, was sagt das über seine Hirngröße aus?

Sogar sein Tod hat viel ausgelöst. Als hätte sich sein Kadaver, in der Grube gefunden, über den Rand aufgebläht, und die Glaswände des Gerichtsaals bersten, und die Frau Anklägerin kann sich nur mit Not im kleinen Rettungsboot aus der fürchterlichen Suppe retten. Vielleicht kommt diese posthume Wucht von den Elementarkräften, die dieses Geschöpf zur Lebzeiten zu besitzen schien. Dieser große Fisch unseres Unglückes ist nicht im Wasser, sondern im Blut unseres Volkes geschwommen.

Die Geschichte seiner Verfrachtung nach Den Haag, in der Nacht, hat mit ihrem roten Lichtschimmer die böse Symbolik seines ganzen Lebens gezeigt. Als wäre er schon dort, an der Schwelle seiner Gefangenschaft, durch die zerrissenen Arterien seines Landes geschwommen. Das Ende dieser Geschichte, dieses Wals, konnte anders nicht sein. So plötzlich und unerwartet, wie das Ende einer Partitur Ravels.

Bora Cosic wurde 1932 in Zagreb geboren und wuchs in Belgrad auf. Der Schriftsteller lebt seit 1992 in Istrien und in Berlin. 2002 wurde er mit dem Leipziger Preis für Europäische Verständigung ausgezeichnet. Zuletzt ist von ihm bei Suhrkamp „Das Land Null“ erschienen. – Aus dem Serbokroatischen von Konstantin Krnjaic.

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