Kultur : Eine Leipziger Konferenz zum Bilderstreit um deutsche Vergangenheit

Kerstin Decker

Sie sitzen im Halbkreis. Wie eine Selbsthilfegruppe. Lauter Kuratoren. Aber sie sind nicht krank. Sie teilen nur eine seltsame Erfahrung. Jeder von ihnen hat schon mal eine Ausstellung über DDR-Kunst gemacht. Auch Monika Flacke vom Deutschen Historischen Museum Berlin, die sich lange Zeit für einen sozial eher unauffälligen Menschen hielt. "Auftrag Kunst", 1995 in Berlin, das war sie. Monika Flacke hatte auch einen Auftrag. Alle DDR-Bilder und Skulpturen aus den öffentlichen Gebäuden raus holen. Auftraggeber: die Treuhand. Vielleicht hätte sie das sensibler machen müssen für die feinen Dialektiken des Auftragswesens. Für das Nicht-Auftragshafte an jedem Auftrag?

Die Zukunft gehört dem Mittelmaß

Karl-Siegberg Rehberg aus Dresden hat eine Erklärung für das inständige Mißfallen des Ostvolkes an Monika Flackes Schau: In Berlin 1937 hieß es: "Entartete Kunst. Eintritt frei". 1995 war der Titel: "Auftrag: Kunst. Eintritt frei". Dasselbe Prinzip? Nicht mehr die Werke sollten zählen, sondern lediglich Zeugnis geben von den Umständen ihrer Entstehung. Keine Bilder sein, nur Dokumente. Nichtbilder. Nichtkunst. Achim Preiß, der Aufsteiger und Hinfaller von Weimar, hat im letzten Jahr die Probe auf dieses Exempel wiederholt. Er ist noch nicht da. Rehberg lobt den Abwesenden. Er habe manchem Museumsdirektor den Weg in das eigene Depot eröffnet. Überhaupt verdankt ihm das Land den einzig noch intakten deutsch-deutschen Kulturdiskurs. Einen richtigen Bilderstreit. Ist er zu schlichten, ein Jahr nach Weimar? Muss der altbundesdeutsche Kunst-Kanon umgeschrieben werden? "Nach dem Jahrhundertschritt. Die Kunst aus der DDR im System- und Zeitenwechsel" heißt die Leipziger Konferenz.

Oder ist alles eine Frage der Hängung? Rehberg gibt zu bedenken, dass es auch in der DDR schon das unmöglich Gehängte und miserabel Beleuchtete gab. Ein sicherer Wegweiser für Qualität! Heute hat sich nur der Hinweischarakter etwas verändert.

Auf die Qualität kommt es an, entscheidet die Kuratorin des Museums Frankfurt/Oder. Ost und West: alles Unfug. Sie sage jetzt mal, woran man ein gutes Bild erkennt, egal woher es ist. Es brauche eine dem Inhalt entsprechende Form und habe sich durch folgende Eigenschaften auszuzeichnen: Innovation, Intensität, Komplexität ... In der fünften Reihe der Alten Handelsbörse Leipzig ist der intensivst gekleidete Zuhörer, ein Mann mit grünem Hut, lila Hemd und schwarzer Weste, gerade eingeschlafen. Hans Hendrik Grimmling, einen innovativen, komplexen, dissidentischen Maler, regt das mit der Qualität jetzt auf. Sogar der Heisig sage neuerdings, Qualität gehe über Moral. Verhaltenes Lachen. Jemand findet, dass es sich bei "Qualität" wirklich um einen zweifelhaften Begriff handele, im Übrigen sei alles politisch. Auch die "Qualität". Eine Kuratorin aus der Selbsthilfegruppe auf dem Podium verteidigt mit äußerstem Selbsteinsatz das "Ethos der Form" anhand eines Leipziger Malers, den kein Mensch kenne und der sein Leben lang nur spielende, musizierende Kinder male. Der Kunsthistoriker in Schwarz aus der dritten Reihe stöhnt auf und findet schöne Malerei entsetzlich. Er vertritt die Auffassung, dass man Bilder nur versteht, wenn man ihre politischen und gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen kennt, wodurch der Kinder-machen-Musik-Maler zum natürlichen Feind des Kunst-nur-im-Kontext!-Historikers wird. Er wundere sich auch gar nicht, dass die DDR-Kunst-Wanderausstellung der Neuen Nationalgalerie Berlin im Westen Erfolg hatte. Na klar, in der Provinz. Der Kontext!-Historiker lehnt sich zufrieden zurück. Der Mann im lila Hemd mit grünem Hut wacht auf. Da meldet sich Frankfurt/ Oder ("Qualität!") noch einmal und macht drei beinharte Anmerkungen zur Provinz mit anschließender Einladung an den Kontext!-Historiker. Nun möchte Cottbus die Debatte entschärfen und fordert einen tragfähigen, überzeugende Begriff des Mittelmaßes. Der Begriff des Mittelmaßes sei die Aufgabe der Zukunft! Vielleicht hegt Cottbus die geheime Hoffnung, der Begriff der Qualität möge sich dann ganz von selbst ergeben.

Vor allem: Wer waren, wer sind Bernhard Heisig, Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer, die alle nur die "Leipziger Schule" nennen?

Lutz Dammbeck hat über die "Leipziger Schule" einen Film gemacht: "Dürers Erben". Wir sehen ihn im Festsaal der Hochschule für Grafik- und Buchkunst, wo Heisig und Tübke Rektoren wurden. Tübke gesteht, dass er sich vor vielen modernen Sachen langweile; Heisig sagt, wie wichtig es ihm gewesen sei, das eigene Talent zu fördern. In der nächsten Szene tritt der malende Schimpanse Pablo auf, der gerade den Zusammenhang zwischen Fressen und Malen begreift. Wie Heisig? Heute, schließt "Dürers Erben" anklagend, gäbe es tatsächlich noch Menschen, die in dieser "Trümmermasse" Haltungen und Bilder finden, die ihnen als "Alternative zur erschöpften Moderne gelten".

Alles tot, sowieso!

Also solche wie Eduard Beaucamp, Kunstjournalist der FAZ? Er entdeckte Anfang der Siebziger das "Leipziger Kunstwunder". Oder Heinz Schönemann aus Potsdam, der daran erinnert, wie sehr die Kunst zwischen die Blöcke des Kalten Krieges geraten sei, und dass es ihr in Leipzig gelang, zwischen ihnen heraus zu springen. Grimmling, der das Bild "Schuld der Mitte" gemalt hat, sagt, dass er für sein Diplom auch zwei Arbeiterporträts machen musste. Es klingt wie zwei Jahre Bautzen. Im Übrigen stinke Geschichte manchmal wie Aas, "und die ostentativen Aasfresser kriegen nicht mal Karies". Beaucamp von der FAZ, bekennender Aasfresser der ersten Stunde, gibt zu, dass ihm bislang nichts den Appetit verderben konnte, nicht mal der Kontext. Die Tatsache, dass diese Kunst nicht wegen der DDR, sondern "trotzdem" entstand, könne nicht alles infizieren. Grimmling findet, das sei hier ja wie auf einer Geburtstagsparty. Nachher, im Lichthof beim Wein, sagt der Kunst-nur-im-Kontext!-Historiker, Heisig und Tübke hätten ja nicht Maler werden müssen in der DDR. Sind Maler, die nicht Maler werden müssen, Maler? Hinter einem Pfeiler stehen ganz für sich der Dürer-Erbe Werner Tübke und die FAZ.

Am nächsten Morgen hat Bazon Brock eine für alle unerwartete Nachricht. Die DDR hat gesiegt! Vollständig. Denn im Westen, so Brock, legitimierte sich die Kunst grundsätzlich zivilisatorisch, im Osten aber kulturell. Wie sei das wohl heute? Heute müsse noch der Größte begründen, was er denn für die Kultur in NRW tue. Mattheuer aus der Leipziger Dreier-Bande wagt einen Einwurf genau an der Stelle, als Brock beim Sieg der Langobarden über Rom ist. So ungefähr habe sich die DDR-Kultur die BRD-Zivilisation unterworfen. Der Journalist Peter Iden, der findet, dass man Liebe, auch Kunstliebe, nicht erzwingen kann - er liebe nun mal alle möglichen Amerikaner viel mehr als diese schwerblütigen DDR-Sachen - Iden hat vorsorglich eine Schachtel Aspirin neben sich auf dem Podium. Die braucht er sicher, nachdem er mit Brock mal in einer WG wohnte. Außerdem, findet Brock, sei er selbst ein Opfer, nicht nur immer die Ostler. Mattheuer bestreitet das mit Hingabe. Da gesteht Beaucamp von der FAZ, eigentlich ein Anarchist zu sein. Aber alle sind sich einig, dass es auch abstrakt röhrende Hirsche gibt. Zivilisatorisch begründete röhrende Hirsche, deren Hirschhaftigkeit keiner mehr erkennt. Ungemein leere Hische. Insofern sei gegenständlich-nichtgegenständlich ein Oberflächengegensatz. Ja, die FAZ mag Tübkes Frankenhausen-Rotunde noch immer. Daraufhin hält Brock die FAZ für das letzte sozialistische Organ. Nur Iden muss jetzt wirklich zurück nach Berlin zum Theatertreffen und findet Frankenhausen furchtbar. Das Aspirin nimmt er mit. Da kommt Achim Preiß, der Kurator der Weimarer Ausstellung doch noch, ganz in Orange, er sieht aus wie ein Modell aus dem Versandhauskatalog und hat ein dazu passendes Weltbild: Wir müssen uns darüber klar werden, dass die Kunst des XX. Jahrhunderts sowieso erledigt ist, fordert er. Tot, alles!

Wie die Mode vom letzten Winter? Mattheuer schaut unbewiesen aus Reihe Vier.

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