Kultur : Eine Liebe von damals

Wettbewerb (2): Téchinés „Les temps qui changent“

Jan Schulz-Ojala

Schlaf doch einfach nochmal mit ihm, sagt die Arbeitskollegin zu Cécile, dann bist du ihn los. Ich hab’ eine überständige Beziehung nach zehn Jahren mal so beendet, sagt sie. Und denk dir, wir waren beide ganz erleichtert danach.

Das wäre natürlich eine Möglichkeit. Aber wie alle Möglichkeiten kann sie so oder so ausgehen. Als Cécile sich entschließt, mit Antoine zu schlafen in seinem Hotelzimmer in Tanger mit Blick aufs Meer, da geht es vielleicht um Abschied. Vielleicht auch um eine Pause im Abschiednehmen voneinander. Oder vom Zu-sehr-Festhaltenwollen (seitens Antoine) oder Alles-schon-Hintersichhaben (seitens Cécile). Um eine Pause, die kurz oder auch länger dauern kann.

Antoine ist als Bauleiter 30 Jahre um die Welt gereist, hat nie geheiratet und Cécile nie vergessen. Cécile, Mutter eines einigermaßen erwachsenen Sohnes, lebt schon lange mit ihrem Mann als Radiosprecherin in Tanger. Eines Sommers hat Antoine dort einen Auftrag und läuft im Supermarkt, nachdem er Cécile zufällig gesehen hat, gegen eine Glastür. Ihr Mann, von Beruf Arzt, ist zur Stelle und versorgt ihn. Auch die Gegenüberstellung der einstig Liebenden nach, um genau zu sein, 31 Jahren, 8 Monaten und 20 Tagen bleibt nicht aus. Und die Nachstellung, die Belästigung, die Verhexung und – für ein, zwei Momente – die Verzauberung kann beginnen.

Demonstrativ unsentimental kommt diese Geschichte eines amourösen Wiedersehens zunächst daher, die André Téchiné zusammen mit Pascal Bonitzer und Laurent Guyot in recht stakkatöse Dialoge zerlegt hat. Catherine Deneuve als Cécile marschiert durch den Film wie eine Frau, die sich jegliche Romantik abgeschminkt hat: Kühl sieht sie ihrem jüngeren Mann (Gilbert Melki) allerlei Affären nach, kühl begrüßt sie ihren bisexuellen Sohn, der mit arg labiler Rumpffamilie aus Paris anreist – und ihren „alten Freund“ Antoine, der ihr bald nach Hause und zum Arbeitsplatz nachläuft, hält sie eisern auf Abstand. Aber auch Gérard Depardieu, wunderbar kantig-fahl, nimmt seinen Antoine an die Leine: gibt ihn als einen, der sich abweisen lässt, einen, der, auch wenn er längst nicht mehr alle Zeit der Welt hat, so tut, als hätte er alle Zeit der Welt. „Macht nichts, ich werde warten“, sagt er einmal gegen alle sanft sichtbare Seelenunruhe, und wir glauben es ihm.

Téchiné schaut dem lange mit nervöser Handkamera (Julien Hirsch) so zu, wie man auch dem Leben zugucken kann, und das ist meistens schön, mit all den unruhigen, nicht besonders glücklichen Leuten unter der irgendwie lauten Sonne des Südens. Dann aber fordert das Kino sein Recht: ein bisschen plötzlich. Die Zeiten ändern sich nicht, sagt „Les temps qui changent“, und das ist sein einziger, entscheidender Fehler.

Heute 12 Uhr und 18.30 Uhr (Urania), 22.30 Uhr (International)

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