Kultur : Eine Löwin braucht keinen König

KATRIN BETTINA MÜLLER

Nun prangt der Schöneberger Stadthirsch wieder in frischem Gold. Jahrelang wartete er in der Gießerei Noack auf die Rekonstruktion seines Brunnens nahe dem Rathaus Schöneberg. Seine Rückkehr in den RudolfWilde-Park freut die Boulespieler, die sich neben dem Brunnen treffen, nicht weniger als die Kinder, die am Wasserbecken spielen. Nachts, wenn die Fontänen angestrahlt sind, vermeint man gar ein wenig südliches Flair zu spüren. Nur als eines vermag man den Hirsch, der oben auf seiner klassizistischen Säule immer ein wenig deplaziert wirkt, kaum zu sehen: als Beginn der modernen Skulptur.Doch der Hirsch von August Gaul führt mitten hinein in den Kampf des Bildhauers zwischen künstlerischer Autonomie und öffentlichen Aufträgen. Gauls Tierskulpturen markieren jene historische Schwelle, als sich die Bildhauerei in Deutschland langsam aus dem erdrückenden Schatten des Denkmalkults zu lösen begann. Die Aufstellung als Brunnenskulptur war oft ein Kompromiß, bildeten die Brunnen doch den tradierten Platz für Skulpturen, ohne zugleich mit den Bedeutungsansprüchen an ein Denkmal befrachtet zu werden. Der Hirsch, dem Schöneberger Stadtwappen entsprungen, bildet eine Ausnahme in der Menagerie Gauls; ansonsten versuchte er die Tiere von ihrer emblematischen Indienstnahme zu befreien.Gauls Bedeutung für die Moderne herauszuarbeiten, ist das Anliegen einer Ausstellung im Georg-Kolbe-Museum. Dem handwerklichen Arbeitsethos des Berliner Bildhauers trägt vor allem der Katalog Rechnung. Er beschreibt die Konflikte um öffentliche Aufträge, den sich entwickelnden Kunstmarkt und die großen Sammlungen jüdischer Bürger, in denen Gauls der feudalen Symbolik entlaufene Tiere Aufnahme fanden. So werden die Produktionsbedingungen am Beginn der Moderne als Voraussetzung der Eigenständigkeit faßbar.August Gaul kam aus einer Steinmetzfamilie und verdiente als Kunsthandwerker und Modelleur schon seinen Lebensunterhalt, als er sich 1892 an der Akademie in Berlin zur Fortbildung zum Bildhauer einschrieb. Als Meisterschüler und Assistent von Reinhold Begas arbeitete er am KaiserWilhelm-Nationaldenkmal mit und entwarf zwei monumentale Löwen, die zu Füßen des Kaisers über den gesammelten Trophäen für die siegreiche Kraft stehen. Wie anders dagegen war die stehende "Löwin", die Gaul 1899 in eigenem Auftrag begann. In Lebensgröße verkörpert sie die elementare Integrität der Tiere, die alle Maßstäbe ihres Seins aus sich beziehen und in kein Bedeutungsgefüge mehr eingepaßt sind.Mit ihr begann Gauls Karriere als freier Künstler. In der Schlichtheit, Spannung und Geschlossenheit der Oberflächen verzichtete er auf die dramatischen Effekte allegorischer Tierfiguren. 1890 hatte Gaul eine Dauerkarte für den Zoo gewonnen und seitdem die Ikonographie der Tiere durch realistische Beobachtung korrigiert. Ein sitzender Adler mit geöffneten Flügeln, wie er von Kaiser Wilhelm II. gern bestellt wurde, widersprach seiner Erfahrung. Dabei kam es ihm weniger auf naturalistische Wahrhaftigkeit als auf Konzentration der Form, Reduktion und Ökonomie in den Flächen an. So gehörten zu seinen bevorzugten Modellen Seelöwen, Fischotter, Pinguine, Enten, Elefanten, Esel und Schweine: wahrlich keine Zusammenstellung, die sich aus der Popularität der Motive oder den in die Tiere projizierten emotionalen Werten begründen ließe. Offensichtlich bestimmten Volumen, Masse, Rundung, Glätte und Geschmeidigkeit der Form, wessen Leib er unter seinen Händen letzlich aufbauen sollte.Fünfzehn Figuren versammelte Gaul 1914/15 im "Kleinen Tierpark", den er in Bronze und Silber gießen und auf kleine schwarze Marmorsockel setzen ließ. Das intime Miniaturformat nimmt den Formen nichts von ihrem elementaren Ausdruck; wie abgeschliffene Kiesel schmeicheln sie der Hand. Gaul selbst überwachte die Güsse seiner Skulpturen und besorgte das Ziselieren der Oberflächen. Für seine Brunnen mit Enten (wie vor dem Renaissance-Theater) oder mit Pinguinen und Schwanenküken für die Villen der Sammler, erfanden die Berliner den Begriff "Streichelbrunnen". Nicht zuletzt die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Kunsthändler Paul Cassirer sorgte für die Verbreitung seiner Skulpturen. Selten verschätzte man sich in der Einschätzung der Nachfrage, wenn es um die Auflagen der Skulpturengüsse ging.Ein Foto im Katalog zeigt zwei kleine Jungs im Atelier Gaul zwischen Tonmodellen der "Löwin" und dem Kopf eines "Orang Utan". "Kinder, heute gehen wir zu Gaul", wird da wohl der Fotograf, Heinrich Zille, seinen Söhnen versprochen haben, fast so aufregend wie ein Besuch im Zoo. Zille gehörte zu den Freunden Gauls. Für den Zeichner war der Kampf um Unabhängigkeit seiner Themen ungleich härter als für den Bildhauer. Dennoch trafen sich beide in der Suche nach einem neuen Publikum und neuen Themen in der Kunst.

Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, bis 19. September; Dienstag bis Sonntag 10 - 17 Uhr, Katalog 38 DM.

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