Kultur : Eine Mörderamazone in der SM-Boutique

JÖRG UTHMANN

"Die Dietrich, gemalt von Dix": Ute Lemper feiert mit dem Musical "Chicago" in London Triumphe bei Presse und PublikumVON JÖRG VON UTHMANNDaß in Amerika Strafjustiz und Lotterie nicht weit auseinanderliegen, wissen die Europäer spätestens seit den Mordprozessen gegen O.J.Simpson und das englische Au-pair-Mädchen Louise Woodward.In den zwanziger Jahren erwarb sich Chicago den Ruf, daß mit Geld und einem cleveren Anwalt kein Gangster um seine Bewegungsfreiheit zu bangen habe, geschweige denn um sein Leben.Wenn ein Musical "Chicago" heißt, ahnen wir also, was uns erwartet.Es ist die Geschichte der Tänzerin Roxie Hart, die von einer großen Karriere träumt, aber erst Erfolg hat, als sie sich zu einem Mord bekennt, den nicht sie, sondern ihr schlappzwanziger Mann begangen hat.Selbstverständlich ist die Presse auf der Seite der dekorativ weinenden Frau, und auch die Geschworenen sind mehr an ihren langen Beinen interessiert als an der Wahrheit. So standen die Dinge im Film "Roxie Hart" (1942), in dem Ginger Rogers bewies, daß sie auch ohne Fred Astaire eine Leinwand füllen konnte.Das Musical, das John Kander und Fred Ebb ("Cabaret") 1975 daraus machten, unterscheidet sich in zwei wichtigen Punkten von der Vorlage.Roxie ist schuldig, und schuldig sind auch alle Insassinnen des Gefängnisses, dessen korrupte Aufseherin bekennt: "In this town, murder is a form of entertainment." Damit sind wir im Dreigroschenopernreich, und dort haben Kander & Ebb gegenüber der Firma Weil & Brecht natürlich nicht die geringsten Chancen.Ihr Humor ist vulgärer, ihre Satire ohne Überraschungen und ihre Musik ein Aufguß aus alten Songs und Tänzen.Technisch ist das alles glänzend gemacht, die Show läuft ab wie eine Militärparade, nur leider fehlt die Seele.Wenn die Wärterin und Velma, ihre prominenteste Gefangene, ein nostalgisches Duett vom Niedergang der Lebensart anstimmen, dann beweinen sie, ohne es zu wollen, auch den Niedergang des Musicals. Die Londoner Show ist ein Import aus New York.Regisseur Walter Bobbie und Choreographin Ann Reinking haben sie als Nummernrevue inszeniert.Die gute Hälfte der Bühne wird von einer - erstklassigen - Jazzband gefüllt.Für die Sänger und Tänzer bleibt nicht viel Platz.Die Dialoge sind auf ein Minimum gekürzt, was die Charaktere noch weiter zu Marionetten reduziert.Kurz, sehr kurz sind auch die schwarzen Röcke, die die mörderischen Amazonen tragen.An Chicago oder ein Gefängnis erinnert nichts auf der Bühne, viel dagegen an eine Boutique für SM-Fans. Ruth Henshell und Nigel Planer machen aus Roxie und ihrem trostlosen Mann beinahe ein glaubhaftes Paar.Henry Goodman bleibt dem zynischen Anwalt Billy Flynn keine schmierige Nuance schuldig.Aber die Schau stiehlt Ute Lemper.Als blonder Vamp Velma, Roxies Mord- und später Tanzgenossin, hat sie nicht nur London im Sturm erobert.Das US-Nachrichtenmagazin "Time" gab ihr in einem bilderreichen Artikel Gelegenheit, gegen die undankbaren Berliner vom Leder zu ziehen.Der Kritiker des "Sunday Telegraph" schrieb: "Sie sieht aus wie etwas, das Sie noch nie gesehen haben, höchstens auf einem expressionistischen Bild - Dietrich, wenn Otto Dix sie gemalt hätte.Aber die Kraft ihrer Persönlichkeit verwandelt, was leicht hätte grotesk wirken können, in schwefligen Glanz." Stimmen wie die des "Independent", der das "gynäkologische Beinespreizen" tadelt, sind die Ausnahme. Daß eine zwar hochprofessionelle, aber eiskalte Show in London und New York (wo sie mehrere Tonys einstrich) so großen Erfolg hat, ist nur mit der Dürftigkeit des Angebots zu erklären.In einer Zeit, in der sich die Musicals mangels musikalischer Einfälle auf szenische Effekte verlassen, kann selbst eine grobschlächtige Satire leicht als sexy und sophisticated gelten.Hinzu kommt der Woodward-Prozeß, der die Engländer beinahe ebenso stark aufwühlte wie der Tod ihrer "Volksprinzessin".Wie man hört, soll das Woodward-Drama verfilmt werden - mit Louise in der Hauptrolle.Die besten Satiren schreibt das Leben immer noch selbst.

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