Kultur : Eine Nation in der Peepshow

WOLFGANG KRALICEK

"Do you carry any weapons with you?" - Wer eine Vorstellung des Akko Theaters Centers aus der gleichnamigen Stadt in Israel besucht, muß auf unerwartete Fragen gefaßt sein.In der berühmtesten Produktion des Akko Theaters, der vielstündigen Performance "Arbeit macht frei" (die 1992 auch in Berlin zu erleben war) wurden die Zuschauer durch allerlei Tricks (unsichtbares Theater, Interviews, ein gemeinsames Essen) aktiv in das Geschehen miteinbezogen.Im neuen Projekt "Kohelet", einer Auftragsarbeit der Wiener Festwochen, die ab heute beim Kunstfest in Weimar zu sehen ist, darf der Zuschauer - von seltsamen Fragen beim Einlaß und einem kollektiven Rundtanz in der Mitte des Abends abgesehen - weitgehend passiv bleiben.

Das hat auch mit dem Thema des Abends zu tun: In "Arbeit macht frei" ging es (auch) um den Umgang von Deutschen und Österreichern mit Israel und dem Holocaust; diesmal geht es um das Verhältnis der Israelis zu ihrem eigenen Staat, der im Mai 50 Jahre alt geworden ist.Der Titel des auf zwei Teile angelegten Projekts "Kohelet" (Fortsetzung folgt nächstes Jahr) von Autor / Regisseur David Maayan bezieht sich auf das "Buch der Versammler" aus dem Alten Testament, mit Zitaten daraus beginnt auch der Abend."Dunst der Dünste, spricht der Versammler, Dunst der Dünste, alles ist Dunst."

In kleinen Gruppen werden die Zuschauer in einen dunklen Raum geführt.Sie finden sich in einer labyrinthischen Bühnenkonstruktion wieder, werden in fünf Gruppen geteilt und vor fünf verschiedene Schau-Kästen gesetzt, in denen hinter Glas fünf autistische Minidramen aufgeführt werden; eine junge, strenge Frau in einem Schützengraben, die Wert darauf legt, eine fiktive Figur zu sein; eine ältere Frau, leicht meschugge, in einem plüschigen Zimmer, das mit Portäts des ermordeten Premiers Rabin geschmückt ist; eine Nervensäge von einer verlassenen Frau, die sich schminkt, während im Fernsehen ein Pornofilm läuft.Zweimal wechselt das Publikum die Plätze, so daß jeder Zuschauer drei Frauen (aber keiner alle) zu sehen bekommt.

Die Situation ist aus zwei Gründen irritierend: Erstens hört man, während man gerade "seine" Szene verfolgt, den Ton der anderen Szenen mit; zweitens scheint es, als wären die Schaukästen einseitig verspiegelt - was bedeutet, daß die Schauspielerinnen uns nicht sehen können.Der Peep-Show-Effekt kann als Metapher für die paradoxe Situation, in der sich das Land Israel befindet, gelesen werden: Während die Welt interessiert auf sie schaut, sehen die Israelis nur sich selbst.

Im zweiten Teil des insgesamt knapp drei Stunden langen Abends ist die Form deutlich offener als zu Beginn: Man kann sich frei bewegen, den Raum erkunden - und dabei feststellen, daß die zunächst so verwirrende Bühnenkonstruktion aus Kojen und Gängen einem ebenso symmetrischen wie vertrauten Grundriß entspricht: dem Davidstern.Das Spiel findet nun mitten unter den Zuschauern statt.Männer reden, Frauen singen."Ich bin die Verwirklichung des zionistischen Traums", sagt einer stolz."Wir haben kein anderes Israel", meint einer resignierend.Ein anderer wird - "Was, du willst dich assimilieren?" - abgeführt und offstage verprügelt.

Die fünf Frauen aus den Schaukästen treten im zweiten Teil als Sängerinnen in Erscheinung.Zunächst sind es vertraute Klänge, die wir zu hören bekommen - eine Schauspielerin steht auf einem Podest und singt ein paar Schlager, die die meisten Anwesenden auswendig mitsingen könnten (in Wien waren es Titel von Falco und Wolfgang Ambros, in Weimar werden es wohl vergleichbare Lieder von deutschen Popstars sein).Ein rührender Moment: Sie spielen unser Lied! Hauptsächlich aber sind es natürlich ihre Lieder, die an diesem Abend gespielt werden.Schöne hebräische Lieder mit sentimentalen Texten, die auf Videoschirmen in deutscher Übersetzung mitgelesen werden können."Ich lebe nur einmal, und wenn ich es richtig gemacht habe, genügt das", heißt es da.Oder: "Ich werde dir niemals ein Hindernis zeigen, das du nicht überwinden kannst."

"Kohelet" ist so etwas wie ein inszenierter Liederabend.Eine Nation sucht sich selbst - und findet sich nur noch in den alten Liedern wieder.Als Nicht-Israeli flaniert man wie ein Tourist ohne Reiseführer durch diese exaltiert introvertierte Veranstaltung.Man blickt fasziniert auf etwas, das man nicht ganz verstehen kann.Die Geschichte Israels ist eine 50jährige Leidensgeschichte.Das wußte man vorher schon.Aber jetzt weiß man auch: Solange es dort solche Lieder (und solche Theaterleute) gibt, besteht noch Hoffnung.

Weitere Aufführungen am 28.und 29.Juni sowie 1.und 2.Juli.

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