Kultur : Eine Nelke pro Bild

In den Fünfzigerjahren waren die Ketterer-Versteigerungen Teil des Wirtschaftswunders. Nun feiert eines der erfolgreichsten Auktionshäuser Deutschlands seinen 50. Geburtstag.

Eva Karcher

Der Mann trug etwas, das Gentlemen wohl nur damals, im beinahe wieder voll erblühten Wirtschaftswunder-Nachkriegsdeutschland tragen durften: eine weiße Nelke im Knopfloch. Roman Norbert Ketterer hatte es mit diesem Accessoire am 24. August 1960 immerhin bis auf das Titelbild des „Spiegel“ geschafft. Unter der Überschrift „Der Mann mit dem Flair“ huldigte ihm das Magazin ebenso spottlustig wie anerkennend: „Der Großauktionator erscheint rosig strahlend zur Rechten, und zur Linken lächeln drei hübsche Helferinnen ins Auditorium. Dann beugt der Kunstkabinettschef den naturgewellten Kopf und eröffnet das große Rennen, das dreihundert bis vierhundert Kunden in Atem hält.“

Eine weiße Nelke aus einem Strauß auf seinem Pult überreichte Deutschlands berühmtester Versteigerer und maßgeblicher Motor des ersten Kunstbooms nach 1945 auch jenen Käufern, die eine der damals begehrten Trophäen der Klassischen Moderne, Nolde oder Kirchner etwa, erfolgreich ersteigert und so manchmal für einen neuen Rekord gesorgt hatten. Er war ein Star auf einem noch jungen Terrain, zu dessen Auktionen in der Villa Berg im grundsoliden Stuttgart so glamouröse Sammler wie die Rothschilds und die Thyssens pilgerten, und „er ließ sich sogar für jede Auktion einen neuen Anzug maßschneidern.“

Im Münchner Prinz-Alfons-Palais gegenüber der Stuckvilla lächelt Robert Ketterer, als er sich in seinem hellen Büro an die Geschichten über seinen Onkel und dessen mondäne Selbstinszenierung erinnert. Er selbst schwingt nicht einmal mehr einen Hammer, und seine Garderobe wächst auch nicht von Versteigerung zu Versteigerung. Deutschlands jüngster Auktionator, geboren am 21. Februar 1969, pflegt einen eher lockeren Stil, was nicht heißt, dass er nicht Wert auf Eleganz und Manieren legt. Aber ein paar entspannende Pointen streut er gern in die hochkonzentrierten Auktions-Performances ein, die er sechs Mal im Jahr veranstaltet und „sehr genießt“, wie er versichert. „Ich mag, dass keiner reden darf außer mir“, sagt er mit charmantem Großer-Junge-Blick, und auch, dass er „Stimmungen subtil beeinflussen“ kann, gefällt dem sportlichen Blonden.

Das hochkarätige Erbe, das Robert Ketterer 1994 als Geschäftsführer im Münchner Auktionshaus seines Vaters Wolfgang Ketterer antrat, fordert ihn heraus, ohne ihn zu beschweren. Schon bevor er 1998 Alleininhaber der Firma wurde, begann er, sein Konzept eines „modernen Auktionshauses“ umzusetzen. Er verschlankte das, wie er sagt, wenig lukrative Repertoire, das von Asiatika und Antiquitäten bis zum Jugendstil reichte, auf den Kernbereich von Gemälden und Graphik Alter Meister und Klassiker der Moderne bis hin zur Gegenwart sowie Bücher, Manuskripte und Autographen.

In Berlin initiierte er unter dem Label „Perspektive“ eine jährlich stattfindende Auktion von zeitgenössischer Kunst, und in Hamburg baute Robert Ketterer die Dependance um, die sein Vater 1989 mit dem Kauf des Antiquariats F. Dörling installiert hatte. Im 2001 bezogenen, 1500 Quadratmeter großen Domizil am Messberg in der Altstadt finden inzwischen nicht nur mindestens vier Auktionen jährlich statt. Fachkräfte leisten hier zudem die zeitaufwendige Arbeit der Katalogisierung der Werke und überprüfen sie penibel auf Echtheit.

Wenn Robert Ketterer nun mit einer Jubiläumsauktion am 14. Mai den 50. Geburtstag des Familienunternehmens feiert, das sein Vater 1954 als Galerie gründete, um es 1968 zum Auktionshaus zu erweitern, hat er selbst bereits „15 Jahre im Business und einige Millionenobjekte“ hinter sich. Stolz zeigt er auf ein Quadrat gegenüber seinem Schreibtisch, dessen Farben sprühen und funkeln wie Feuerwerk über einem nächtlichen Bergsee: „Ein Bild wie diesen abstrakten Gerhard Richter von 1988 sehen Sie in deutschen Auktionen so gut wie nie!“

Das Gemälde, geschätzt auf 250000 bis 350000 Euro, wird, so Ketterer zuversichtlich, internationale Sammler nach München ziehen und vielleicht sogar das Highlight der Versteigerung sein, die bisher bereits mit einem „sehr guten Schiele aus New York, einem erstklassigen Relief von Oskar Schlemmer und einem phantastischen Bild von Moholy-Nagy“ trumpfen kann.

Alle weiteren Highlights allerdings müssen in den nächsten beiden Monaten akquiriert werden, was den Chef keine Sekunde nervös macht. „Ich bin ab jetzt pausenlos unterwegs in Europa und den USA und sehe mir Sammlungen und interessante Werke an“, sagt er. Diesen Teil seines Berufs liebt er besonders, „spannende Menschen zu treffen und ihnen erklären, warum es Sinn macht, bei uns zu einzuliefern“. Seelenruhig nimmt er einen Schluck Kaffee. „Im ersten Halbjahr 2003 hatten wir den höchsten Umsatz eines deutschen Auktionshauses“, zählt er auf, „allein die Sammlung Tremmel brachte 5,7 Millionen Euro“.

Dass Ketterer neben Lempertz und Neumeister zu den drei führenden Versteigerern der Republik zählt, ist eine von Saison zu Saison belegbare Tatsache, die Repräsentanzen im In- und Ausland werden weiter ausgebaut, und die Partnerschaft mit Banken wie der Hypovereinsbank, in deren Räumen im Arabellapark die Jubiläumsauktion zelebriert wird, funktioniert prächtig. Die Orte, an denen Versteigerungen heute stattfinden, „müssen mobil sein“, findet Robert Ketterer. „Wir gehen zu den Kunden und nicht umgekehrt“. Für einen, der noch mit 17 davon träumte, Rennfahrer, Skilehrer oder Footballspieler zu werden, ist er ganz schön weit gekommen.

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