Kultur : Eine Piazza Navona für Berlin!

ULF MEYER

Spätestens seit den 70er Jahren sind Shopping Malls die städtebaulichen Prügelknaben in der Urbanistikdiskussion.Sie stehen für Amerikanisierung, schleichende Privatisierung und die Dauerkrise des öffentlichen Raums.Obdachlose und Flugblattverteiler haben in Einkaufspassagen mit Hausrecht und den kommerzialisierten Bahnhöfen keinen Zutritt.Die Architektenkammer Berlin lud anläßlich der Veranstaltungsreihe zum 50.Jahrestag der Erklärung der Menschenrechte zu einer Podiumsdiskussion in den Berlin-Pavillion.Brian Ladd, Historiker und Fellow an der American Academy, etwa befand, daß auch in privaten Räumen Öffentlichkeit entstehen kann und daß die Besitzverhältnisse also nicht als Definition taugen.Der Berliner Architekt Bernhard Schneider hielt dagegen, daß öffentlich nur Räume genannt werden können, die "für jedermann jederzeit und in allen Teilen zugänglich sind".Schnell tauchen - speziell bei Architekten - bei dem Stichwort die Plätze der mittelitalienischen Renaissance vor dem inneren Auge auf.Cornelius Hertling, Präsident der Architektenkammer in Berlin, brachte das griffig auf die Formel: "Wir wollen die Piazza Navona in Berlin !".

Ladd glaubt, daß Freiräume nur aus den Lücken der Planung und nicht aus ihr selbst entstehen können.Er zeigte sich angenehm überrascht, daß es in Berlin eine große kritische Öffentlichkeit in Fragen des Städtebaus gibt und warnte davor, die herrschende Nostalgie auch auf die Erwartungen an Stadtplätze auszudehnen.Die Offenheit von städtischen Plätzen wird allerorts auch von Baupolitikern wie dem früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Peter Conradi beschworen.Aber die Realität sieht häufig anders aus.Die vieldiskutierten Sperrungen im Regierungsviertel und die Kappung der Wegenetze auf der Spreeinsel stehen dabei im Zentrum der Kritik.Besonders am Platz der Republik und dem geplanten Forum am Kanzleramt, das Axel Schultes bei seinem Wettbewerbsentwurf für das Spreeband vorgesehen hatte und das sang- und klanglos aus der Planung verschwand, erhitzte die Gemüter.Der Architekturkritiker Wolfgang Kil witterte gar Verrat."Die Teilnahme jedes Einzelnen an der Kultur des Stadtraums ist nicht mehr selbstverständlich, obwohl sie als fundamentales Menschenrecht angesehen wird", wie der Architektursoziologe und Moderator des Abends, Werner Sewing, formulierte."Der politische Raum wird den Stadtbewohnern durch Kommerzialisierung zunehmend entzogen und zum Touristendisneyland degradiert.Mit Nutzungsmix offerieren Weltunternehmen Urbanität als Dienstleistung und die Bürger drohen zu Statisten in ihrer eigenen Stadt zu werden", so Sewing provokant.Ob die Rückkehr zu baulichen Konventionen als Garant von Öffentlichkeit taugt, oder ob nicht vielmehr die Krise der Öffentlichkeit auch eine der Stadtbaukunst sei, bleibt für ihn fraglich.Während Kil eine Stadt, die zwischen "have und have-nots" zunehmend gespalten wird, erkennt, halten andere das für hysterische Panikmache.Ladd war der einzige, der daran erinnerte, daß unter Umständen Privatraum auch gegen die Öffentlichkeit geschützt werden muß.Der Überfluß an Raum im östlichen Zentrum der Stadt illustriert eindrucksvoll, daß zu große Plätze schnell einsam wirken können.

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