Kultur : Eine Potsdamer Ausstellung widmet sich dem Schriftsteller

Jörg Plath

"In Saloniki / weiß ich einen, der mich liest, / und in Bad Nauheim. / Das sind schon zwei." In Potsdam sind es jetzt noch ein paar mehr, die Günter Eichs Gedichte lesen, sein Konterfei betrachten und seiner Stimme lauschen. Die meisten allerdings flüchten wieder aus dem Pavillon auf der Freundschaftsinsel in die noch unfertige Parkanlage, wenn sie für die kleine Ausstellung einen bescheidenen Obolus entrichten sollen.

Die kleine, von Peter Walther eingerichtete Literaturaussstellung der Märkischen Dichterlandschaft und des Brandenburgischen Literaturbüros zu Günter Eich will so etwas wie eine mentale Baumaßnahme sein. Die üblichen Anlässe - eine runde Jahreszahl, ein regionaler Bezug - fehlen denn auch fast völlig. Immerhin wurde Eich 1907 in Lebus an der Oder geboren, das heute in Polen liegt, und wuchs in Brandenburg auf. Aber von dem Schulbuchautor der Bundesrepublik wurden in der DDR nur in "Sinn und Form" einige Gedichte gedruckt. Er ist in den neuen Ländern noch zu entdecken.

Nach einem naturmagischen Gedichtband beschließt der 25-Jährige, von Rundfunkarbeiten zu leben. Dass die Nationalsozialisten sich des Mediums begeistert bedienen, schreckt ihn nicht. 1933 wird Eich nur deshalb nicht Parteimitglied, weil sich die NSDAP durch einen Aufnahmestopp vor Mitläufern schützt. Mehr als 150 Rundfunkarbeiten entstehen, bis Eich 1939 Soldat wird. Zynisch abgeklärt berichtet er dem Freund Martin Raschke von politischen Auflagen, und zumindest sein erst 1993 wieder aufgefundenes Hörspiel "Rebellion in der Goldstadt" ist Teil der anti-britischen Propaganda: Wenige Tage nach der Sendung machen deutsche Flugzeuge Norbert Schultzes Schlager "Bomben auf Engeland" wahr.

Nach dem Krieg brüstet sich Eich nicht mit Innerer Emigration. Der unpolitische, vage existentialistische Dichter wird zum radikalen Skeptiker und schreibt mit seinen Hörspielen Rundfunkgeschichte. 1959 erhält er den Büchnerpreis und fordert in seiner Rede zum Widerstand gegen jegliche Macht auf. Als die Studenten 1968 sein "Seid unbequem, seid Sand, nicht Öl im Getriebe" auf Transparente pinseln, ist Eich jedoch schon bei den "Maulwürfen" angelangt und unterminiert im Kalauer den Sinn.

Die biografischen Brüche und ästhetischen Revisionen des Dichters hält die Potsdamer Ausstellung auf acht Schautafeln fest. Sie sind im Geviert um eine leere Mitte aufgestellt und geben an den Ecken den Blick frei auf jeweils ein Gedicht Eichs. Dahinter ist viel unfertiger Park zu sehen. Sinnfälliger ist kaum zu inszenieren, was Peter Walther den mit biographischen Brüchen vertrauten neuen Bundesbürgern nahe bringen möchte: Eich als "Identifikationsangebot".

Günter Eich als "Eich-Maß" geglückter Zeitgenossenschaft? Das ist auch für alte Bundesbürger, die bei Literaturausstellungen in Jubiläen zu denken gewohnt sind, eine frische Perspektive. Ihr sind - das eint viele junge Intellektuelle im Osten - Ästhetik, Politik und Tradition gleichermaßen wichtig. Eich erweist sich in dieser Beleuchtung als gewitzter Gegenstand. "Mich triffst du nicht mehr, / solang ich auch rufe", heißt es in einem Gedicht. Es trägt den nachahmlichen Titel "Huhu".Pavillon auf der Freundschaftsinsel bis 7. Mai. Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Katalog 29,80 Mark.

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