Eine psychoanalytische Betrachtung : Die voodoohafte Macht der Barbie-Puppe

Am Donnerstag eröffnet in Berlin das umstrittene Barbie-Dreamhouse. Die Puppe hat ein deutsches Vorbild: das Fräuleinwunder. Was macht sie eigentlich so erfolgreich? Und hat die Puppe tatsächlich eine Art voodoohafte Fähigkeit, Mädchen nach ihrem Bilde zu formen? Eine psychoanalytische Betrachtung.

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Die Erste: So sah Barbie aus, als die Firma Mattel sie 1959 in Amerika auf den Markt brachte. Inspiriert war sie von der deutschen Puppe namens „Bild-Lilli“.
Die Erste: So sah Barbie aus, als die Firma Mattel sie 1959 in Amerika auf den Markt brachte. Inspiriert war sie von der deutschen...Foto: picture-alliance

Es ist eine besondere Art von Albtraum, der sich in Berlin materialisiert. Er ist pink und für manche die Erfüllung aller Wünsche. Für andere hingegen öffnet am heutigen Donnerstag mit dem Barbie-Dreamhouse ein Bau seine Pforten, der für die „Pinkifizierung“ der Welt verantwortlich ist, die Ungleichbehandlung der Geschlechter, die Zurichtungen zur Weiblichkeit. Barbie wird geliebt und gehasst – beides in einem Maß, das das Verhältnis von Mensch und Puppe so zuspitzt, als ginge es um weit mehr als ein Spielzeug. Tatsächlich verkörpert Barbie eine Geschichte, die auf uns selbst verweist.

In den Vorwürfen an Barbie artikuliert sich die Angst, die Puppe könne Mädchen nach ihrem Bilde formen. Blickt man auf ihre Entstehungsgeschichte, dann besaß Barbie offenbar von Anfang an die magische Fähigkeit, vom Bild zum Körper zu werden. Das Vorgängermodell war in Deutschland entstanden. Seit 1952 erschien in der „Bild“-Zeitung täglich eine Comicfigur, die als langbeinige, großbusige, stupsnasige und spitzzüngige Vertreterin des sogenannten deutschen Fräuleinwunders so beliebt – in diesem Kontext möchte man sagen: begehrt – war, dass 1955 eine Puppe nach ihrem Vorbild hergestellt wurde.

Barbie - Ein pinkes Traumhaus auf dem Alexanderplatz
Die dreijährige Selina kam mit ihrer Mama Doreen zum Barbie-Haus am Alexanderplatz.Weitere Bilder anzeigen
1 von 31Foto: Kitty Kleist-Heinrich
17.05.2013 15:17Die dreijährige Selina kam mit ihrer Mama Doreen zum Barbie-Haus am Alexanderplatz.

Sie hieß „Bild-Lilli“. Bereits hier hat sich also eine zweidimensionale Figur zum dreidimensionalen Körper materialisiert. 1959 sah dann Ruth Handler, damals die Vizepräsidentin des amerikanischen Spielzeugkonzerns Mattel und später dessen Präsidentin, während einer Europareise „Lilli“ in einem Luzerner Schaufenster und erwarb die Rechte an der Figur. Dieser Kauf war, so Handler in ihrer Autobiografie, alles andere als Zufall. Sie wollte für ihre Tochter Barbara – Kosename Barbie – das Spielzeug erschaffen, das diese sich sehnlichst wünschte: eine Erwachsenen-Puppe, die sie modisch ausstaffieren konnte. Mangels Spielzeugpuppen hatte sich Barbara bis dahin mit Papiermodellen und Mode zum Ausschneiden begnügt.

Mit Barbie knüpfte Handler kulturhistorisch an die in Aristokratenkreisen beliebte Modepuppe des 17. und 18. Jahrhunderts an, die im Zuge der Pädagogisierung des Kinderzimmers um 1800 angeblich kindgerechterem Spielzeug weichen musste, der Hausmutter und der Babypuppe. Die züchtige Hausmutter war im 19. Jahrhundert das dominierende weibliche Rollenvorbild, mit Beginn des 20. Jahrhunderts kam die Kinder- und Babypuppe in Mode. Was fehlte, war die Frau als Frau, die Frau als Geschlechtswesen, Gender pur gewissermaßen.

Barbie avancierte zur meist verkauften Puppe der Welt. Sie wurde von Dior, Kenzo und Pierre Cardin eingekleidet, von Andy Warhol gemalt und anlässlich des 200. Geburtstags der USA als „schützenswertes Kulturgut“ mit Mickey Mouse und Coca Cola in eine Zeitbox gepackt. Der Anthropologe Claude Lévi-Strauss befand, „es lohne sich, über Barbie nachzudenken“; dem Kunsttheoretiker Bazon Brock zufolge symbolisiert die Puppe „die Westmenschen als Kulturträger in der allgemeinverbindlichsten Art“.

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Barbies "wahre" Welt
Barbies "wahre" Welt

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