Kultur : Eine Rose für die Lady

Martenstein analysiert die transatlantischen Beziehungen

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Und dann war ich also beim Film-Empfang des „Botschafters der Vereinigten Staaten von Amerika und von Frau Sue Timken“. Auf der zweisprachigen Einladung hatten sie die Formulierung „Frau Sue Timken“ ins Amerikanische übersetzt. „Frau Sue Timken“ heißt auf amerikanisch „Mrs. William R. Timken, Jr.“. Das zum Beispiel ist ein kultureller Unterschied. Es war im Sony-Gebäude, Sky Garden. Im Erdgeschoss des Sony-Gebäudes haben sie ein riesiges Aquarium, allerdings ohne Fische darin. Das ist entweder ein Symbol, oder Kunst, oder Ichthyophthirius, die gefürchtete Fischkrankheit. Der Botschafter kletterte auf die Bühne und sagte, auf Englisch: „Ich freue mich, dass heute so viele Amerikaner da sind.“

Dabei waren genauso viele Deutsche wie Amerikaner gekommen! Uns hat er einfach vergessen. Aber wir respektieren andere Kulturen in ihrem Anderssein. Der zweite Teil der Rede bestand vor allem aus den Sätzen: „Nochmals Dank an die Amerikaner, dafür, dass sie heute hier sind. Heute ist Valentinstag.“ Bei dem Stichwort „Valentinstag“ kletterte Frau Sue Timken auf die Bühne. Der Botschafter überreichte ihr eine rote Rose. Der Botschafter rief: „Dies ist eine amerikanische Rose!“ Ich habe zufällig mal einen Film über das Rosen-Business gesehen. Die Rosen kommen alle aus Afrika. Frau Sue Timken lächelte und sagte gar nichts. Das hätte ich an ihrer Stelle wohl auch getan.

Am nächsten Morgen um viertel vor neun ging der Streit über den Streitfilm Nummer eins wieder los, „Road to Guantanamo“. Der Film zeigt mit Hilfe dreier Briten, die dort unschuldig gesessen haben, wie dumm und brutal es in dem berühmten Gefängnis zugeht. Es ist ein Hohn auf den Begriff „Zivilisation“. Der Film ist sicher wichtig, aber auch sehr pädagogisch und eindimensional. Unter Kunst stelle ich mir etwas anderes vor, Kunst muss irritieren und etwas offen lassen. Ein Kollege bekam einen Wutanfall, als ich das sagte, und schimpfte mich einen „vollgefressenen Ästheten“. Da wurde ich ebenfalls wütend und sagte: „Wenn es einem bei einem Werk nur auf die nach eigener Ansicht richtige Haltung ankommt, hat man den gleichen Kunstbegriff wie die Nazis.“ Dies war eine Entgleisung, für die ich mich hiermit entschuldige. Ich lege allerdings Wert auf die Feststellung, dass ich kein vollgefressener Ästhet bin. Ich bin ein hungriger Rock ’n’ Roller.

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