Kultur : Eine Scheibe Welt

Theater vor der Tür: Lotte van den Berg gastiert in den Sophiensälen

Renate Klett

Der jüngste Geheimtipp der europäischen Theaterszene kommt aus Holland und heißt Lotte van den Berg. Die junge Regisseurin, die jetzt in den Sophiensälen ihr Berlin-Debüt gibt, hat sich einen Namen gemacht mit ortspezifischen Produktionen, poetischen, rätselhaften, doppelbödigen Inszenierungen. Geplantes und Zufälliges vermischt sich zu einer Scheibe Welt, wahr und schwankend wie die Realität und ebenso furchteinflössend. Es wird nicht gesprochen in diesen Aufführungen, aber die Stille, die Körper und die Fremdheit des Blicks erschaffen eine eigene Sprache der Emotion und Intuition.

Ihr Theater handelt immer vom Anschauen und Angeschaut-Werden, jener Grundregel alles Szenischen. Und je mehr sich das wirkliche Leben theatralisiert, desto weniger braucht das Theater die Künstlichkeit des Ausdrucks und die Forciertheit der Aktion – zumindest das der Lotte van den Berg. „Ich erfinde gern gemeinsam mit dem Publikum neue Regeln fürs Theater. Das ist draußen natürlich leichter als im Saal. Ich will nicht den müden Routineblick des Publikums, sondern den wachen, hoch konzentrierten. Der kann ruhig mal abschweifen und sich für ein Detail interessieren, aber er soll ‚eingeschaltet’ bleiben, alles beobachten und in Beziehung setzen.“

Ihre „Blaue Stunde“, schaut der Stadt beim Erwachen zu. Die Aufführung beginnt kurz vor Sonnenaufgang in einer beliebigen Straße. Alles ist ruhig, selbst die Vögel schweigen. Wenn sich der Tag langsam belebt, es heller und lauter wird, die Farben und Geräusche wechseln, wird das Publikum Zeuge eines Vorgangs, der auch ohne es geschehen würde, nur anders. Denn es gibt kleine Manipulationen, Personen tauchen auf, Fragmente von Geschichten entstehen, Leben und Kunst verschmelzen. Mitunter wirkt das Gespielte authentischer als die Wirklichkeit.

Bei „Brachland“ , das auf einem sandigen Areal irgendwo in einem Vorort stattfindet, ist klar, dass es sich um einen inszenierten Vorgang handelt. Aber es ist ein Theater wie aus einer anderen Welt, eines, in dem Leben und Tod ineinanderrieseln, wo jedes Geheimnis eine Wunde birgt und jede Wunde einen Triumph. Man beobachtet Verlorene, Verworfene, wie sie im Sand kauern, eine Grube ausheben, Feuer machen, oft weit von den Zuschauern entfernt. Das Theater reicht bis zum Horizont, nichts passiert, doch die Atmosphäre lädt sich auf durch den langsamen Rhythmus und die realen Geräusche. Nach einiger Zeit beginnt ein Mann mit einem Stahlrohr in der Hand, ruhig, zielgerichtet, fast rituell, einen nach dem anderen totzuschlagen. Niemand wehrt sich, und je selbstverständlicher es aussieht, desto brutaler die Wirkung.

Die Weichheit von Bewegung und Blick verspricht eine Poesie, die nur vergiftet zu haben ist: Les fleurs du mal aus Kunst und Teufel, schön, zart, schlicht – und furchtbar. „Wenn ich Theater in Deutschland sehe“, sagt Lotte van den Berg, „dann denke ich manchmal: Das ist wie „Lösungen- Theater“. Da möchte jemand was erzählen und dann noch was anderes, und dann gibt’s noch Duschen, und Bier haben wir auch, und dann machen wir noch ein paar Witzchen – das geht doch nicht! Theater muss konsequent sein und logisch und nicht so rumrudern.“

Jetzt also Berlin. Im Rahmen des Programms „Telling Time“ in den Sophiensälen probt sie ihr neues Stück „ Das Stillen“, am Donnerstag ist Premiere: eine Koproduktion mit Het Toneelhuis Antwerpen, wo van den Berg zur künstlerischen Leitung des neuen Intendanten Guy Cassiers gehört. Am deutschen Wort „stillen“ fasziniert sie seine schillernde Vieldeutigkeit: einen Säugling stillen oder das Blut einer Wunde, Hunger, Durst, Schmerz – sogar die Sehnsucht kann gestillt werden. Und die Stille ist ohnehin ihr ureigenes Element. Diesmal inszeniert sie im geschlossenen Raum (das hat sie zuvor nur mit Gefangenen in einem Gefängnis in Antwerpen gemacht), sie erzählt von Körpern und ihren Bedürfnissen. Mit sechs Schauspielern, Sängern, Tänzern und Laien hat sie aus vielerlei Improvisationen eine Geschichte erarbeitet, die von den Farben der Gefühle spricht, vom Schmerz, der zum Verlangen wird und einer Trauer, die beglückt. Und damit der Saal nicht allzu vertraut wirkt und die Unberechenbarkeit einer Straßenperformance ermöglicht, ist der Boden mit 35 000 Stück Seife ausgelegt. Das wird Folgen haben.

Sophiensäle, 26. bis 29. Oktober

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