Kultur : Eine Scheidung ohne Heirat

KAI MÜLLER

Sie kennt die internationale Theaterszene so gut wie kaum ein anderer in Deutschland - Renate Klett konzipiert und organisiert seit zwei Jahrzehnten Theaterfestivals, von Hamburg bis Basel.Er gilt als Kulturmanager neuen Typs - Bernd Kauffmann will die 60 000-Einwohnerstadt Weimar 1999 zur europäischen Kulturmetropole machen und ist bekannt dafür, seine Interessen mit weltläufiger Eleganz und hartnäckiger Effizenz zu verfolgen.Was eine glückliche Partnerschaft hätte werden können, endete jetzt in einem Debakel.Kauffmann hat Klett fristlos gekündigt und das von ihr fürs nächste Jahr vorbereitete internationale Theaterfestival ersatzlos gestrichen.

Seit 1993 trägt die Stadt an der Ilm den Titel "Kulturstadt Europas 1999", der von der Europäischen Union jährlich vergeben wird.Die eigens für diesen Zweck gegründete Kulturstadt GmbH, deren Intendant und Generalbeauftragter Bernd Kauffmann ist, versucht ein Programm zusammenzustellen, das die Klassiker-Stadt in der Nachbarschaft des Konzentrationslagers Buchenwald in ihren historischen Brüchen und Assoziationen lebendig macht.Immerhin jährt sich 1999 Goethes Geburtstag zum 250.und Schillers zum 240.Mal, vor 80 Jahren wurde in Weimar die Reichsverfassung beschlossen, zur gleichen Zeit das Bauhaus gegründet, die DDR wäre 50 Jahre alt geworden, und Wende und Mauerfall liegt dann zehn Jahre zurück.Neben einer Reihe von Ausstellungen und Happenings, Ballett-Gastspielen, klassischen Konzerten und Theaterprojekten, für die bereits renommierte Künstler verpflichtet wurden, wollte Renate Klett unter anderem die Uraufführung einer neuen Produktion von Simon McBurney mit dem Theatre de Complicite London, die Europa-Premiere von Denis Marleaus Théâtre Ubu Montréal ("Urfaust/Pessoa"-Projekt) sowie eine eigens für Weimar konzipierte Goethe-Performance des Schweizer Künstlers Hans Peter Litscher (der soeben auf der Frankfurter Buchmesse für Aufsehen gesorgt hat) präsentieren."Denn die Grenzen der Verständigung sind viel weiter gesteckt, als man glaubt", beschwor das Programmheft den Geist der Weimarer Klassik - und des aktuellen Programms.Für ihr Festival stellte Kauffmann Klett einen Etat von einer Million Mark zur Verfügung.

Die ehemalige Theaterkritikerin, die von Ivan Nagel als Festivalorganisatorin entdeckt wurde, hatte bereits das Programm des "Theater der Welt"-Festivals in Köln, Stuttgart, Hamburg und München zusammengestellt und war zuletzt Jurymitglied des Berliner Theatertreffens.Auch für Weimar war Klett, ein eigenwilliges und gewiß nicht unschwieriges Temperament, wieder durch die Welt gereist und hatte ihre vielfältigen Kontakte genutzt, um über prominente Namen hinaus Künstler aus fremden Kulturkreisen nach Deutschland zu holen.Durch die Kündigung sieht Renate Klett ein Vorhaben zerstört, das sie "zu 90 Prozent fertiggestellt" hatte.Eine ganze Anzahl von Einladungen seien bereits ausgesprochen und Koproduktionen angeregt worden, die plötzlich wieder rückgängig gemacht werden müßten.

Warum das Festival gekippt und seine Leiterin entlassen wurde, ist ihr selbst ein Rätsel.Sie räumt ein, daß es Spannungen zwischen ihr und dem Intendanten gegeben habe, die sie allerdings für undramatisch hielt."Wir wollten ja nicht heiraten".Als im Sommer die Abstimmungsprobleme schließlich eskalierten, verständigten sich beide Parteien darauf, die Zusammenarbeit vorübergehend ruhen zu lassen.Bis dann die außerordentliche Kündigung einen abrupten Schlußpunkt setzte.

In Weimar ist man bemüht, beide Vorgänge auseinanderzuhalten.So sei die Streichung des Festivals unabhängig von der Entlassung der Festivalleiterin entschieden worden.Da eine "vertrauensvolle Zusammenarbeit" nicht weiter möglich gewesen sei, wie Bernd Kauffmann verkündet, wäre sie in jedem Fall beendet worden.Zur Absetzung des Festivals sei es allein aus finanziellen Gründen gekommen.Denn der Kulturstadt GmbH sind durch das Marketing-Fiasko der Münchner Unternehmensberatung Berger & Partner, die seit September 1997 sämtliche Vermarktungsaktivitäten für Weimar 1999 koordinieren sollte, zwei Millionen Mark verlorengegangen.Kauffmann: "Wir mußten etwas abwerfen.Und natürlich wurde die Entscheidung durch das zerrüttete Vertrauensverhältnis zu Frau Klett erleichtert."

Die Rotstift-Attacke handelt Kauffmann den Vorwurf ein, er wolle ein Theaterfestival beseitigen, das sich inhaltlich nicht mehr ins Gesamtbild der Kulturstadt-Aktivitäten integrieren läßt.Doch er wehrt ab: "Ich konnte das Festivalkonzept von Frau Klett nicht beurteilen, weil ich es nicht kannte.Auch hätten wir es nicht streichen können, wenn wir bereits Verpflichtungen eingegangen wären." Außerdem hat er ganz andere Sorgen: Von den verbleibenden Projekten des ein Jahr andauernden Kulturstadt-Programms seien "10 bis 15 Prozent finanziell bisher nicht gesichert." Aber so ist das eben, versucht er zu sagen, wenn man versucht, ohne Geld ein Großereignis durchzuführen.

Während die Streichung einer Programmsparte dem Unternehmen wieder Mittel zuspielt, könnte die Kündigung des Arbeitsvertrages mit Renate Klett für die Gesellschaft noch teuer werden.Sie klagt auf Auszahlung des bis zum September 1999 befristeten Vertrages, was für insgesamt zwei Jahre einer Summe von etwa 300 000 Mark entspricht.Denn Gründe, die eine außerordentliche Kündigung rechtfertigen würden, sind nach Ansicht ihres Anwalts Peter Raue nicht gegeben.Wie ließ das Programmheft verlauten? "Die Grenzen der Verständigung sind viel weiter gesteckt, als man glaubt." Das sieht man jetzt.

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