Kultur : Eine schrecklich nette Familie

Heesook Sohn verfilmt ihre Familiengeschichte. Heute bewirbt sie sich in Berlin um den Preis „First Steps“

Kirsten Wächter

Ein Foto wie aus einer anderen Welt: steife Posen, streng, schwarzweiß. Eine koreanische Familie stellt sich zum Gruppenbild mit Baby, die Dreijährige ist das Jüngste von vier Kindern. Das Bild stammt aus dem Familienarchiv, aufgenommen in den frühen Siebzigerjahren. Heute ist Heesook Sohn, die Dreijährige von einst, eine junge Frau, 35 Jahre alt.

Gut dreißig Jahre, nachdem die Aufnahme entstanden ist, begibt sich Heesook Sohn auf die Spur eines verloren gegangenen Kindheitsgefühls. Das Foto ist Ausgangspunkt und Symbol dieser Suche. Sie will das Familienbild vor der Kamera nachstellen, das äußere Abbild einer eher untypischen koreanischen Familie. Die Eltern lassen sich scheiden, als Heesook Sohn noch ein Kind ist, der Vater geht mit den zwei kleinsten von vier Kindern in die USA. Die Regisseurin wird mit dem Versuch scheitern, die Familie noch einmal zusammenzubringen und doch wird sie erfolgreich sein. Denn es gelingt ihr, sich mit dem Dokumentarfilm „Happy Family“ auf dem schmalen Grat der Tragikomik zu bewegen, ohne ins Wanken zu geraten. Ein Grund dafür ist, dass sich keines der gefilmten Familienmitglieder vor der Videokamera zu scheuen scheint: Niemand setzt Masken auf, niemand spielt dem Aufzeichnungsgerät etwas vor. Man gähnt, streitet, weint. Real Life. Ihre Familie sei eben daran gewöhnt, das Nesthäkchen Heesook mit ihrer Kamera umherlaufen zu sehen, man habe sie diesbezüglich noch nie sonderlich ernst genommen.

Heute wird sie ernst genommen. Wenn der Nachwuchspreis „First Steps 2004“, der jährlich den Wettbewerb für Abschlussfilme deutschsprachiger Filmhochschulen krönt, am Abend im Theater am Potsdamer Platz verliehen wird, ist Sohn dabei. Und ihr Film steht ganz oben auf der Liste der Nominierungen. Nicht nur Spielfilme und Commercials sind eingereicht worden. Ganze 45 Beiträge konkurrierten in dem neuerdings auch beim Kinopublikum so beliebten Genre des Dokumentarfilms. Fünf der eingesandten Arbeiten hat die Jury nun in die engere Wahl genommen, einer der Regisseure wird heute den mit 12000 Euro dotierten Dokumentarfilmpreis erhalten.

Zu den hoffnungsvollen Fünf gehört auch die gebürtige Südkoreanerin mit US-amerikanischem Pass. Mit ihrem 68- minütigen Film „Happy Family“ beendet sie die Ausbildung an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Die DFFB verlässt die zierliche Koreanerin mit einem weinenden Auge. Mitte der Neunzigerjahre hatte sie sich von den USA aus an die Akademie beworben. Die Zusage aus Europa kam prompt, und die Kunststudentin zog nach Berlin, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Sie landete im tiefsten Prenzlauer Berg, in einer Wohnung mit Kohleofen für warmes Wasser und Zimmertemperaturen knapp über Null. Zwei Jahre habe sie eine harte Zeit erlebt und einen regelrechten Kulturschock durchlitten, erzählt Sohn heute. In der DFFB, besonders in ihrem überschaubaren Jahrgang mit nur 18 Kommilitonen, fand sie dann eine zweite Familie. Auch die Fördermöglichkeiten, die Sohn als Nachwuchsfilmemacherin in Deutschland vorfand, versüßten ihr die schwere Zeit. Allein, dass sie in der eineinhalbjährigen Produktionszeit für „Happy Family“ ohne Druck arbeiten konnte, war für sie „reiner Luxus“.

„Happy Family“ ist nach mehreren Kurzfilmen der erste Langfilm der Regisseurin. Sie geht darin auf eine globale Suche nach ihrer Familie, die teils in Korea, teils in den USA lebt und seit Jahrzehnten nicht mehr viel miteinander zu tun hat. In den USA trifft die Filmemacherin ihren Bruder. Bei seiner Ankunft auf dem amerikanischen Kontinent hatte er den koreanischen Namen abgelegt, heißt jetzt Henry. Die Regisseurin führt Henry bewusst an einen unwirtlichen Ort: Die beiden Sohns hocken in der Wüste, an einen einsamen Felsen gelehnt und kiffen. Um sie herum nur das Orangerot der Einöde.

Heesook sei eine „Bananen-Koreanerin“, sagt Henry da, „außen gelb und innen weiß“. Wie viele Kinder von Einwanderern ist er konfrontiert mit den starken Werten einer überkommenen Tradition. Seine Schwester aber wahrt die Distanz, dokumentiert leichtfüßig und unterhaltsam, ohne die komplexen Tiefenschichten des Beziehungsgeflechts Familie zu banalisieren oder gar zu verletzen. Der streckenweise harsche Ton gegenüber den männlichen Familienmitgliedern wandelt sich gegenüber der kranken Mutter in zärtliche Fürsorge. Das Ansehen einer Frau ist in Korea nach einer Scheidung unwiderruflich beschädigt.

Die Chancen stehen indes gut, mit dem Preis gerade den Betrag zu gewinnen, der an Produktionsgeldern für Sohns neues Projekt „Pornomelodrama“ noch fehlt. Darin erzählt sie die Geschichte dreier Frauen aus unterschiedlichen Kulturen, die im Alter um die 30 eine zweite Pubertät durchleben.

Wie die Preisverleihung in Berlin auch ausgeht, Sohn will „Happy Family“ unbedingt in Los Angeles zeigen. Es gibt dort eine große koreanische Gemeinde, die zweite Generation von Einwanderern ist stark vertreten. Auf die Publikumsreaktionen hier wie in L.A. ist sie gespannt. Besonders darauf, was ihre größten Kritiker sagen: die eigene Familie.

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