Kultur : Eine Sekunde Glück

Jan Schulz-Ojala

Andreas Dresens Film ist seit Helmut Dietls "Rossini" der erste deutsche Film von internationalem RangJan Schulz-Ojala

Peschke ist fertig. Mit sich. Mit der Welt. Mit dem fremden Kind, das da neben ihm sitzt, ein angolanischer "Negerbengel" noch dazu. Eigentlich hätte Peschke am Abend diese Japanerin abholen sollen. Am Flughafen Tegel hätte er aufkreuzen sollen, aber dann hat er seine Brieftasche liegenlassen und die Japanerin verpasst und den "Negerbengel" als Dieb verdächtigt, der da rumsaß in der Halle wie bestellt und nicht abgeholt, und Mitleid gekriegt und den Jungen abliefern wollen bei einem Ricardo in Hellersdorf; aber Ricardo war weder da noch in der Kreuzberger Kneipe, wo er als Koch arbeitet, sondern wegen eines blöden Auffahrunfalls zu spät in Tegel, was wiederum Peschke nicht weiß.

Peschke ist ein kleines Licht bei "Bölkisch Schwermaschinen GmbH Tempelhof" - so hat er die Adresse dem Taxifahrer morgens entgegengebellt. Nun sitzt er mit dem Jungen in einem Kreuzberger Hauseingang, total fertig, denn jetzt haben sie ihm auch noch den BMW geklaut. "Weißt du, wie das ist ohne Auto, das ist wie mit ohne Beine", belehrt er den kleinen Jungen, der die ganze Zeit kein Wort gesprochen hat und sein Leben lang wohl noch nie ein Auto gefahren ist. Und Peschke zieht die Null-Bilanz dieser Nacht: ". . .die Verabredung mit den Japanern, mein Gott, die Japaner . . ."

Es ist zum Weinen mit Peschke. Und es ist zum Lachen. Wie übermütig hat sich das Berlinale-Publikum gefreut über diesen Peschke, dem Michael Gwisdek eine ultimative, geradezu metaphysische Gestalt gegeben hat, Peschke, diesen vor sich hin alternden und doch lebenslang klein bleibenden Angestellten; und mein Gott, was haben wir gewartet, dass dieser Film, für den Gwisdek damals zu Recht einen Preis bekam, der Film, der inzwischen beim Deutschen Filmpreis und bei anderen Festivals ausgezeichnet wurde, endlich ins Kino kommt.

Endlich können sich jene "Nachtgestalten", die Andreas Dresen so einleuchtend stimmig erfunden und ins Bild gesetzt hat, aus ihrer wundersamen Gerüchthaftigkeit befreien, in die sie nach der Berlinale zwangsläufig zurückfielen, weil der Film nur für zwei Tage aufleuchtete und sofort wieder verschwand. Endlich kann das Publikum, eine Woche bevor der virtuose Kinderkram namens "Star Wars" (fast) alle Aufmerksamkeit monopolisiert, das Weinen und das Lachen nachholen - dank einem kleinen Verleih, der das Abenteuer wagt, einen leichten und tiefen, melancholischen und heiteren, strukturell nicht ganz üblichen und zugleich hochunterhaltsamen deutschen Film ohne big names ins Kino zu bringen - das sei ohne Schimpf und Schande über die Großen gesagt, die eben dieses Risiko scheuten!

"Nachtgestalten" glänzt, durch und durch. "Nachtgestalten" ist der glänzendste deutsche Film seit "Rossini", und er ist zugleich sein Widerpart. Wo Helmut Dietl seine sinistren Lichtgestalten des deutschen Showbusiness aufs Podest setzte und zugleich unbarmherzig demontierte, da blickt Andreas Dresen auf seine Schattenfiguren der Gesellschaft mit ebenso klarsichtiger Barmherzigkeit. Dietls Film war - auch technisch - von geradezu schneidender Glätte, Dresen fürchtet sich nicht vor schmuddeligem Schwarz und Grobkörnigkeit.

Dietl machte der Münchner Beziehungskomödie den Garaus, indem er deren tragischen Grund freilegte, die Leere, die ins Äußerste getriebene Eitelkeit. Dresen perforiert nicht minder empfindlich so manche Zeugnisse des Sozialarbeiterkinos. Dessen Regisseure stehen nun so da, als nutzten sie das Milieu allenfalls für ihre romantischen Kopfgeburten - selbst Jan Schütte mit "Fette Welt". Dietl verkörpert so prototypisch den deutsche Westen, wie Dresen den deutschen Osten in Filmbilder umsetzt, emotional, thematisch, visuell.

Um es gefühlsmeteorologisch zu sagen: hier der kalte Blick aufs (scheinbar) Warme, dort der warme aufs (scheinbar) Kalte - aber, und das ist das wesentlich Gemeinsame, beide Regisseure gehen zur Ergründung ihrer jeweiligen Welt mit besessener Genauigkeit vor. Zu einer deutschen Wiedervereinigung - auch noch im Kino! - führt das nicht gerade. Wohl aber loten Dietl und Dresen auf höchstem Niveau die Spannweite dessen aus, was das deutsche Kino derzeit zu sagen hätte, wenn es sich denn entschiedener dazu aufraffen wollte. Und es ist eine imponierende Spannweite.

Der Ausgangspunkt von "Nachtgestalten" ist, wieder einmal, nicht eine Geschichte, sondern ein formaler Rahmen, nicht Raum - wie noch beim Münchner Schickimicki-Italiener "Rossini" - sondern Zeit. Eine Berliner Nacht, die Nacht, in der der Papst in Berlin war, der dieser Stadt fremdestmöglich erscheinende Gast, zumindest aus der Perspektive derer, deren Geschichten sich in "Nachtgestalten" kreuzen, begegnen, verfehlen. Denn Peschke ist, obwohl Michael Gwisdek zur Berlinale den Hauptdarstellerpreis bekam, beileibe nicht die Hauptperson dieses Films; oder nur unter der durch die Struktur des Werks überzeugend beglaubigten Einschränkung, wonach alle Personen Hauptfiguren sind. Genauer: Paare. Da gibt es, neben Peschke und dem kleinen Feliz, den Peschke mit irrwitzigem spanischen Silbenmüll traktiert (dabei dürfte der angolanische Junge allenfalls portugiesisch verstehen), das Pennerpärchen Hanna und Victor und die Babystricherin Patty, die einen schüchternen Bauerntölpel namens Jochen aufliest. Aber ist denn der originalberliner Taxifahrer, der mit all diesen Leuten irgendwann zu tun bekommt, eine Nebenfigur, ist der Polizist, bei dem das schwarzfahrende Obdachlosenpaar und der um seinen BMW gekommene Peschke aufkreuzen, eine Nebenfigur - ein Bulle, der keine Lust auf "Streichelzoo" hat und trotzdem immer ein Taschentuch für seine Kundschaft parat?

Nein, einfach geht es in Dresens Welt nicht zu. Es ist nicht einer oder eine allein oder eine schöne Zweisamkeit, auf deren Schultern wir sicher durch zwei schöne Stunden Kino reiten können. Eher so herum: Suchen Sie sich einen oder zwei aus, und ich sage Ihnen, wer Sie sind!

Immer aber wird der Film mit äußerster Behutsamkeit alles dafür tun, dass der Zuschauer keine der Figuren auf der Strecke verliert, sei es durch ein geradezu traumwandlerisches Timing, sei es durch unaufdringliche Schnitte von mitunter tiefer Symbolik (einmal bleibt die Kamera, wie grundlos, bei dem Kind Feliz, und die nächste Einstellung zeigt das "Kind" Patty), sei es durch Parallelhandlungen, sei es durch verbindende Zufallsdinge wie einem Hundertmarkschein. Der Hunderter, den jemand der ruppigen Wollmützpennerin Hanna zusteckt, weshalb sie endlich eine Nacht unter Dach mit Dusche und ihrem irgendwie geliebten Schwängerer Victor zubringen will; der Hunderter, den Peschke seinem Feliz "für alle Fälle" gibt, als er nun wirklich in die Firma muss und sich von seinem jungen Chef zusammenstauchen lassen; der Hunderter, den Patty ihrem von ihren Mitbewohnern zugerichteten Freier verstohlen zurücksteckt, damit ihm was für die Bahnfahrt bleibt. Begrüßungsgeld, Abschiedsgeld. Zeichen, damit was in Gang kommt, damit was in Gang bleibt, Zeichen von Leuten füreinander, die sich in dieser Nacht ihre Blessuren und ihre komische, zu Tränen rührende Sekunde Glück holen.

Reden wir von den Schwächen, es sind wenige. Anders als Gwisdek und Ricardo Valentin (der kleine Feliz), anders als die kaum 20jährige Susanne Bormann, die mit ihrer leichenblassen, kühlen Patty fulminant Eindruck macht, anders auch als der diskret seine Filmfigur pointierende Oliver Bäßler - als Bauer Jochen in seiner ersten Kinorolle - hat das Penner-Pärchen Meriam Abbas/Dominique Horwitz mitunter etwas Theatralisches. An Horwitz, der seine Person fast wie einen großen, hilflosen Tanzbären ausdeutet, liegt das weniger; es ist eher Meriam Abbas und ihre wild um sich beissende, das Leben (oder was davon bleibt) mit den Zähnen packende Hanna. Sie ist - im doppelten Sinne - zum Fürchten: einmal, weil der Regisseur sie gewiss so will, als Austeilende, als Geprügelte, als versoffene Verzweifelte mit ein paar eher flackernden als funkelnden Momenten; zum anderen weil sie, wenn sie sich bisweilen gar zu sehr hochpegelt, den Film insgesamt in Gefahr bringt. Und doch ist auch dies ein Wagnis sehr eigener Art, das von dem Wagnis des ganzen Films gehalten wird. Jene Morgenminute schließlich in einer verrotteten Pension, in der die beiden, mitten in Baustellenkrach und Türgeklopfe, doch noch Krümel jener Zärtlichkeit zusammenfegen, von der sie die ganze Nacht geträumt haben, ist eine der schönsten Szenen des Films geworden.

Andreas Dresen, 36 Jahre alt, gehört - ebenso wie der ein Jahr ältere Andreas Kleinert - zur letzten Generation der noch ganz in der DDR sozialisierten und an der Babelsberger Filmhochschule zu DDR-Zeiten ausgebildeten Filmregisseure. Sie sind in einer widerständigen Zeit ihre ersten Wege gegangen und können, was an Kraft und Eigensinn damals fermentierte, nun in einer durchaus schwierigen, aber offenen Gesellschaft umsetzen: beste Voraussetzungen für ein filmisches Opus, das Spuren hinterlässt, weil es auf Erfahrung gründet. Diese beiden (und Andreas Kleinert hat mit "Wege in die Nacht" in Cannes einen sehr anderen, aber nicht minder beeindruckenden Film präsentiert) bringen den deutschen Film fast spielerisch souverän mit dem europäischen Kino zusammen, mit dessen neueren Strömungen zumindest. Das ist jene Art Kino, für die sich der Weg ins Kino lohnt.
© 1999

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