Eine Sommernacht in Appenzell : Junggeselle mit Nähmaschine

Träumen und Säumen oder Eine Sommernacht in Appenzell.

Rudolf Lorenzen
Heute. Lorenzen in seiner Charlottenburger Wohnung. Foto: Thilo Rückeis
Heute. Lorenzen in seiner Charlottenburger Wohnung. Foto: Thilo RückeisFoto: Thilo Rückeis

Bei welchem Messestand unlängst war ich zu naseweis, habe ich mich allzu interessiert gezeigt, womöglich meine Adresse hinterlassen? Nun kommt ein Bote, bringt ein Paket. „Acht Tage zur Probe“ steht darauf, ist es ein Klavichord, ein Spektrometer, ein Geiger-Müller-Strahlungsmesser? Ich packe aus, vor mir steht eine Maschine, blaugrau, weiß und silber, kühn spannt sich von rechts nach links ein Bogen; Hebel, Tasten, Räder, Schrauben, Skalen schrecken und locken zugleich, und da ist auch die Anleitung: „Ihr Wunsch ist erfüllt, hier bin ich, Ihre neue Nähmaschine. Lesen Sie erst, wie ich bedient werden will, und dann… Gut Naht!“

Der Nähmaschinenmarkt sprengt seinen Konsumentenkreis, erreicht den Junggesellen. Ich stehe am Anfang der neuen Verkaufsepoche, der erste männliche Heimnäher bin ich, die Maschine sieht mich an, als sei einzig der Mann ausersehen, ihr Hausgenosse zu sein, mit ihr zu leben, ein Leben zu zweit. Der Maschine Blick ist prüfend: Bin ich ein Mann mit dem Gemüt, Körper und Seele dieses hochgezüchteten Geräts zu erfassen?

Hätte ich doch um die Großmutter meiner Besucherin einen Bogen gemacht, wir kennen sie noch, O-beinig und auf gusseisernen Füßen stand sie in Flickkammern oder in den Stuben kinderreicher Witwen, Blumenornamente berankten Stangen, Räder und Platten, von Mutterfüßen in Schnürstiefelchen bewegt, gab eine filigrangezierte Platte die Kraft über Schwungrad und Treibriemen in die heiße Nadel, und alles roch nach Frauenfleiß und nimmermüden Händen.

Nun kommt zu mir diese kesse Enkelin. Nicht mehr um das Nähen geht es hier, sondern um die Beherrschung eines Wesens, das für uns näht, um das Dienstbarmachen eines Geschöpfes, das für uns niedere, doch notwendige Arbeit verrichtet. Ein hohes Ziel, es bedarf des männlich kühnen Geistes. Schnell ist das Nähwerk angeschlossen, der Fußanlasser fußgerecht gemacht, sind Rändelscheiben gedreht, Fäden über Fadenführung, Führungsschlitze und Fadenanzugsfedern geführt, sind Oberfaden und Unterfaden verschlungen und wieder getrennt, habe ich mich zwischen Zickzack- und Geradstich entschieden, habe ich die Stichlänge bestimmt. Einzig das Einfädeln des Fadens in das Nadelöhr ist rückständig, erinnert zu sehr an Blütezeiten alten Handwerks.

Die Lampe leuchtet, der Motor summt, der Nähfuß steht in Habacht, die Nadel ist im Anschlag, frisch auf Geselle… Was ist, warum werke ich nicht? Ach, mir fehlt das Nähgut. Nun weiß jedes Kind, vor jedem Prozess steht auf der einen Seite das unvollkommene Material, auf der anderen Seite die Vorstellung des vollendeten Stücks, hie die zerrissene, im Sinn die geflickte Hose. Ich durchwühle meine Schränke, Anzüge, Wäsche, Unterzeug gleiten durch meine Finger, betrübt sehe ich, nirgends klaffen Nähte, gähnen Löcher, fehlen Knöpfe, fasern fransige Säume. Doch halt, bin ich denn ein Flickschneider? Eine Beleidigung für die Maschine wäre es. Flicken kann jede Frau, eines Mannes Sache ist die Schöpfung, ist die Couture. In der Küche finde ich einen alten Lappen, ein wenig grob zwar, aber sauber. Beginnen will ich mit ihm mein erstes Werk, ein… nein, nicht Taschentuch, ein mouchoir“.

Der Flicken ist schnell geschnitten, schnell eingeschlagen an den Kanten, flugs liegt er unter dem Nähfuß, da rast auch schon die Nadel, rast der Transporteur, reißt mir das Nähgut aus den Händen. Ja, ich begreife, in einer modernen Zeit lebe ich, Geschwindigkeit ist alles, ich werde mich daran gewöhnen. Noch dreimal diesen Vorgang, den ich kundig „Säumen“ nenne, dann betrachte ich meine Schöpfung…

Die Nähmaschine wurde 1790 in England erfunden. So berichtet es die Geschichte, doch ich glaube es nicht. Schon die alten Griechen mussten die Nähmaschine gekannt haben, woher sonst haben sie die Mäanderlinie? Ich betrachte meine Schöpfung. Nun denn, ein wenig Mäander könnte nicht schaden, deutet es doch auf nichtserielle Anfertigung – aber dies? Nun, das Taschentuch war sowieso zu groß, ich schneide die Säume ab säume neu, verbessere meine Fertigkeit, lobe mich, gewiss, doch nicht ohne Einschränkung, vielleicht sollte ich ein drittes Mal…

Der fünfte Saum gefällt mir, er ist eine Leistung. Zwar ist das Tuch etwas klein geworden, kaum noch ein mouchoir. Doch was macht es, benutzen wir es als… nein, nicht Ziertuch, als pochette, und ich nenne meine création „Sommernacht in Appenzell“.

Der Anfang ist gemacht, mein Leben nimmt eine Wendung, nicht mehr unscheinbar werde ich sein. Ich schaffe mir ein Sortiment von Nähfüßen, Knopflochfüßen, Kantensteppfüßen, von Nadeln, Kappern, Säumern, Trennern. Morgen kappe, biese und graniere ich, bald bin ich ein bedeutender Schrägbandeinfasser, ein vierfacher Steppverzierer, ein Spitzen-Mehrstichkräusler. Die Herren bewundern mich, die Damen verehren mich, die Schulmädchen lieben mich, mein Bild hängt über ihren Betten.

Dieses hier leicht gekürzte Feuilleton ist zum ersten Mal am 23. November 1969 im Tagesspiegel erschienen.

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