Kultur : Eine Stadt kommt aus der Hüfte

Scharfe Soße: Salsa ist der Renner der Saison. Was aber, wenn die Beine nicht recht gehorchen wollen? Ein Selbstversuch

Sandra Luzina

Es ist ein warmer Sommerabend in Berlin, und meine Hüften bringen mich um. Am Bundespressestrand, der Openair-Location mitten im Regierungsviertel, steigt gleich die Mambo- und Salsa-Party. Viele Tanzwillige haben sich bereits vor Sonnenuntergang eingefunden, um noch schnell den Salsa-Grundschritt zu lernen. Zuerst ist es das übliche Bild: Die Frauen tanzen, die Männer gucken zu. Doch plötzlich wendet sich das Blatt. Immer mehr Männer strömen auf die Tanzfläche. Eins-zwei-drei und Fünf-sechs-sieben zählt mein Partner leise mit und starrt auf seine Füsse. Ich frage mich derweil besorgt, ob meine Beckenbewegungen auch rund und weich genug aussehen. „Kubanisch!“, ruft Lehrerin Bettina uns hüftsteifen Debütanten zu. „Locker lassen!“

Es ist Mitternacht im Havanna Club. Die Luft ist aufgeheizt von schwitzenden Körpern, die Atmosphäre schwül. Zu später Stunde kommen die Könner. Raffiniert umkreisen und umgarnen sich Männer und Frauen wie in einem aufreizenden Balzritual. Eine Blondine hat ihr Becken an das des Mannes gepresst und lässt sich in eine tiefe Rückbeuge fallen. Er wirbelt ihren Oberkörper herum wie ein nasses Handtuch. Das ist Mambo, flüstert mein Begleiter. Es sieht skandalös aus.

Berlin in diesem Sommer. Wenn auch das Wetter nicht immer mitspielt: Die gefühlte Temperatur ist heiß. Lateinamerikanische Rhythmen erklingen beim Heimatklänge-Festival oder auf dem Badeschiff der Arena. Und überall sind Salsa-Partys: im Soda-Club, im Havanna, auf der MS Hoppetosse. Am frühen Abend locken die Clubs mit Einführungskursen. Die Berliner kommen aus der Hüfte, endlich.

Wer den Latino in sich wecken möchte, steht vor der Alternative: Tango oder Salsa? Bislang gilt Berlin als eine der führenden Tango-Metropolen – gleich nach Buenos Aires. Doch mittlerweile hat sich dank der vielen hier lebenden Kubaner auch eine lebendige Salsa-Szene etabliert – die größte Deutschlands.

Salsa-Mania oder Tango-Passion: Auch musikalisch prallen hier konträre Temperamente aufeinander. Die Salsa ist nicht kubanischen Ursprungs, wie viele annehmen. Die „scharfe Soße“ aus ganz unterschiedlichen Latino-Rhythmen wurde in den Barrios, den von Latinos bewohnten Ghettos von New York angerührt. Der Name Salsa kam erst Anfang der siebziger Jahre auf – der Italo-Amerikaner Jerry Masucci, Chef des legendären Fania-Plattenlabels, machte ihn populär. Es handelte sich um eine simple Marketing-Strategie: der Absatz von Mambo-Platten war damals rückläufig. Der große Tito Puente wollte den Begriff Salsa nie akzeptieren und sprach lieber von afrokubanischen Rhythmen. Der kubanische Son ist sicherlich der bedeutendste Geburtshelfer der Salsa. Clave (Klanghölzer) und Conga sind der Schlüssel zum Verständnis dieser rhythmisch und stilistisch komplexen Musik.

Die Rivalität zwischen Tangueros und Salseros treibt schon mal hübsche Blüten: Wenn seine Schüler nicht sofort lächelten, empfahl der puertoricanische Salsa-Lehrer: „Geht doch ins Tango-Studio, wenn ihr depressiv werden wollt.“ Der argentinische Meister revanchierte sich: „Wenn ihr schnellen Erfolg sucht, geht nach nebenan zur Salsa.“ Die Anekdote stammt von der New Yorker Autorin Candy Korman, einer Tango-Aficionada.

Tatsächlich ist der Salsa-Grundschritt schnell gelernt, ob es sich nun um die Salsa Cubana oder den New York Style handelt. Schon nach wenigen Stunden Unterricht kann man auf die Piste gehen. Doch um richtig gut Salsa zu tanzen, muss man viel Schweiß und Hingabe investieren. Das Repertoire an Figuren und Kombinationen ist beeindruckend – bei den Variationen ist Kreativität gefragt. Denn es gibt keine festgelegten Abläufe. Nur eine unumstößliche Regel gibt es: Wohin der Mann auch steuert, die Frau sollte mitgehen.

Führen und folgen: Ähnlich wie beim Tango geht auch bei der Salsa nichts, wenn man sich nicht darauf einlässt. Gerade das radikale Geschlechterkonzept macht die Salsa für viele so anziehend, während andere sich über das veraltete Rollenverständnis mokieren. Der Mann, so viel ist sicher, spielt in allen lateinamerikanischen Tänzen die dominante Rolle.

Und da beginnt das Dilemma – denn die Tanzfläche ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. Da prallen schon mal weibliche Sehnsüchte auf männliche Ängste. In seinen Kursen trifft er oft Frauen, die im Leben auf eigenen Beinen stehen, erzählt Franco Sparfeld von der Mas Salsa Dance Factory, ein Verfechter des L.A. Style. Die träumen davon, sich einmal führen zu lassen – und können dann nicht loslassen. Die Männer wiederum sind oft gehemmt, beherzt die Führungsrolle zu übernehmen.

„Der Mann ist anfangs schon sehr gefordert“, bestätigt auch Chrille, der zusammen mit Sonja in der Tanzschule Walzerlinksgestrickt den New York Style unterrichtet. „Der Mann muss sich mit den ungewohnten Rhythmen vertraut machen, die Figuren sicher beherrschen und deutliche Impulse geben.“ Doch mit der Zeit finden die Männer Spaß an der neuen Rolle. „Ich muss sie dazu bringen, das zu tun, was ich will“, grinst Chrille. Das sei seine Satisfaction.

Und was ist die Lust der Frau? Die Doppeldrehung, sagt Sonja ohne zu zögern. Beim New York Style, der auf den so genannten Cross Body Lead (Platzwechsel) baut, kann die Frau sich in einen wahren Drehrausch katapultieren. Dieser elegante Stil kennt eine variantenreiche Fußarbeit, Shines genannt. Mit Kicks, dem Mambo-Flic, einer synkopierten Spiral oder Suzie Q., kann der Mann bei seiner Partnerin punkten.

Das Geheimnis eines guten Salsa-Tänzers: Er sollte ohne sichtbare Anstrengung tanzen. Männer wissen allerdings oft nicht, wie viel Kraft sie aufwenden müssen – und werfen ihre Partnerin leicht aus der Bahn. Chrille demonstriert, wie man seine Chica lässig durch die abenteuerlichsten Drehungen manövriert – er braucht dazu keinen festen Griff, sondern führt nur mit zwei Fingern. Die Kunst, seine Partnerin buchstäblich um den Finger zu wickeln, hat er sich von Eddie Torres, dem Erfinder des New York Style, abgeguckt.

Der Mann gibt den Rahmen, die Frau schafft das Bild, so bringt er die New Yorker Attitüde auf den Punkt. Mucho Macho ist dagegen der Cuban Style: Da darf der Mann eine Solo-Show abziehen. Die Frau umschwirrt ihn, wie der Mond die Erde umkreist. Und versucht mit aufreizenden Hüftbewegungen, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

So viel zur Theorie. Wenn meine Freundinnen mich jetzt sehen würden! Ich stehe mit den anderen Frauen vor dem Spiegel in der Mas Salsa Dance Factory und übe mich im „Lady Styling“ – all die Extras, mit denen die Salsera die Blicke magnetisch auf sich zieht. (Den Männern wird übrigens dringend abgeraten, Shorts zu tragen.) Die Lehrerin im Mini-Rock wuschelt sich verführerisch durch die Haare, lässt eine Hand lasziv am Körper herabgleiten. Ein Lock-Repertoire, das man als Berlinerin nicht unbedingt in den Genen hat, sondern erst erlernen muss.

Und der Berliner Salsa-DJ Michael mokiert sich über das Sex-Klischee: „Es sind doch nicht alles Sexsüchtige, die Salsa tanzen.“ Noch sei die Salsa hier nicht ganz so scharf gewürzt. Dafür tanzt jeder mit Lust und Laune. Und mit dem Tango hat es in Berlin ja auch ein paar Jahre gedauert. Man muss nur den ersten Schritt machen.

INTERNET

www.salsa-berlin.de

www.tanzeninberlin.de

PARTYS

Bundespressestrand

Kapellufer 1 (Mitte)

Do. 20.30 Uhr (Openair)

Havanna Club

Hauptstr. 30 (Schöneberg), Mi.,Fr.,Sa.

Soda Club,

Knaackstr. 97 (Prenzl.)

Do. und So., 21 Uhr

MS Hoppetosse

Eichenstr. 4 (Treptow)

Di. 21 Uhr (Openair)

TANZSCHULEN

Mas Salsa Dance Fact. Möckernstr. 68, (Kreuzberg) Tel. 612 84 524

Walzerlinksgestrickt Am Tempelhofer Berg 7d, Tel. 69 50 50 00

Tango Vivo/Salsa Viva Mehringdamm 33

(Kreuzberg)

Tel. 691 93 28

MUSIK-LÄDEN

Terra Melodica

Grunewaldstr. 73

(Schöneberg)

Oye-Records

Oderberger Str. 4

(Prenzlauer Berg)

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