Kultur : Eine Stadt sucht Rat

Juliane Kanns „Fieber“ am Maxim Gorki Theater

von

Kommen, Bleiben, Gehen – das ist ein Grundmuster der zum Projekt „Über Leben im Umbruch“ für das Maxim-Gorki- Theater entwickelten Stücke. Wissenschaftliche Untersuchung liefert die Basis für offene, experimentelle Dramatik, strenge Objektivität regt Geschichten von Menschen an, die Halt und Heimat suchen, Halt verlieren und Heimat neu finden. So wie in „Fieber“ von Juliane Kann (geboren 1982 in Neu-Kaliß). Die Stadt (Wittenberge) macht die Autorin zur Krankenstation für dort (noch) lebende oder aus der Fremde zurückgekehrte Menschen. Für Frauen, Männer, Jugendliche, die sich selbst heilen müssen – und am Ende fast im Glücksrausch verkünden, eine neue Stadt, ihre neue Stadt bauen zu wollen.

Mit einem Stenogramm von Befindlichkeiten in einem fremd gewordenen, wie in Fetzen gerissenen Alltag beginnt das Stück, tastet sich dann allmählich an Figuren heran, die in und mit diesen Fragmenten von einstigem Leben zu überdauern versuchen. Gegen Einsamkeit wird Liebe versucht, gegen Untätigkeit wilder Tatendrang, gegen Krankheit unbändige Suche nach Glück. Juliane Kann setzt auf Andeutung, auf Zufälligkeiten, scheut die Verwirrung, die Unschärfe nicht – und überdehnt die Metapher vom „Fieber“, das die Stadt befallen haben soll.

Aber die vielen Geschichten sind ein vitales Angebot für Fantasie, gleichen Bausteinen, die dem Zuschauer zum Fertigbau hingeworfen werden. Bei der Uraufführung im Studio des Maxim-Gorki- Theaters entfesseln Regisseurin Anna Bergmann und Bühnenbildnerin Natascha von Steiger pralles Theater, ziehen alle Register, um dem Text die theoretische Überfrachtung zu nehmen. Es beginnt wie im Jahrmarktstheater mit Darstellern als mechanisch betriebenen Puppen, und dann wird der Raum, bevölkert von ausgestopften Tieren, bis in die sonst verschlossenen Seiten hinein detailversessen erobert. Ernstes, Versonnenes wechselt in musikalisch Träumerisches hinüber, immer schneller werden Verwandlungen von Szene und Kostüm.

Am Ende spielt die Kapelle von „Haus Vaterland“ auf, bis jede Resignation zerstoben ist. Die sechs Darsteller sind mit großem Spaß dabei, bauen Figuren mit blitzgescheiter Ironie. Neunzig Minuten alles andere als alltägliches Theater, jubelnder Beifall. Christoph Funke

Wieder am 24. und 30. Juni.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben