Kultur : Eine Studie beleuchtet Joseph Roths Erkenntnisse zum Antisemitismus

Stefanie Grupp

In den Nachkriegsjahren versuchte Deutschland zunächst seine Glaubwürdigkeit wiederzuerlangen. Das Resultat war eine Germanistik, die mit den Aufgaben, die sie sich stellte, dazu beigetragen hat, dass die Literatur von Juden in erster Linie Opferliteratur zu sein hatte. Das Thema literarischer Widerstand durch jüdische Publizisten und Autoren blieb ein relativ wenig erforschtes Feld.

Um so interessanter erscheint in diesem Licht die erkenntnisreiche Studie von Katharina Ochse. Sie geht der Frage nach, wie der jüdische Autor und Journalist Joseph Roth antisemitischen Anfechtungen begegnete. Ochse konzentriert sich dabei auf zwei Romane Roths der Zwanziger und Dreißiger Jahre, "Das Spinnennetz" und "Tarabas. Ein Gast auf dieser Erde". Ein Vergleich seiner Reportage "Juden auf Wanderschaft" mit den Romanen macht deutlich, dass Roth sich sowohl gegen die kulturkonservative Unterscheidung von Journalismus und Literatur wendet, und gegen die Konstruktion "konservative Ostjuden" versus "assimilierte Westjuden" zur Wehr setzte. Den damals wie heute antagonistischen jüdischen Gemeinden in Berlin könnte Joseph Roth damit als neuer Referenzpunkt dienen.

Die Autorin macht deutlich, dass Roth an einer mehrdimensionalen Identität festhält, die er je nach Kontext neu bestimmen will. Das psychologische Interesse des begeisterten Freud-Rezipenten Roth veränderte seine Sicht auf jene Sphären, in der er Wurzeln des Antisemitismus zu verorten sucht. So kam Roth von einem sozial-historischen zu einem eigenen religions-psychologischen Erklärungsansatz.Katharina Ochse: Joseph Roths Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg. 1999, 255 Seiten, 58 Mark.

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